Mythologie und Religion.
In der Einleitung, die der Herausgeber dem ersten Heftedieser Zeitschrift*) vorangestellt hat, ist unter den Gebieten, welchedie Volkskunde zu bearbeiten habe, an dritter Stelle die Religiongenannt. Aber dieser Name wird dann sofort mit „Mythologie"als „der natürlichen Religion der Völker" vertauscht; im Schluß-satz ist trotzdem von „christlicher Mythologie" die Rede, undzuletzt werden „die religiöse Volksüberlieferung" und die Mytho-logie so neben einander gestellt, daß sie doch wieder als verschiedenerscheinen müssen.
Es war nun gewiß weder nötig noch möglich, in einemsolchen Programm scharfe Begriffsbestimmungen aufzustellen, unddie Absicht des Verfassers wird schwerlich mißverstanden werden;aber seine Ausdrucksweise deutet darauf, daß im Sprachgebrauchdie Namen Mythologie und Religion vielfach in einer Art ver-tauscht werden, die den Zwecken der Wissenschaft nicht förderlichsein und zu wirklichen Mißdeutungen führen kann.
Indem ich versuche, diesen Schwankungen entgegenzutreten,erinnere ich daran, daß die „Zeitschrift für Völkerpsychologie", anderen Stelle nun die vorliegende getreten ist, in ihrem dritten Bandeeinen Aufsatz von Delbrück „Über das Verhältnis zwischen Re-ligion und Mythologie" enthält, der eben auch darauf ausgeht,den Unterschied der beiden Begriffe festzustellen; von demselbenebendaselbst eine längere Abhandlung „Über die Entstehung derMythologie bei den Jndogermanen" und eine kürzere von mir„Das Wort in der Geschichte der Religion", wo derselbe Gegen-stand von einem andern Gesichtspunkt ans berührt wird. Imzweiten Jahrgang der „Theologischen Zeitschrift aus der Schweiz "
*) Zeitschrift des Vereins f. Volkskunde. 1891.