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Dr. L. Sonderegger in seiner Selbstbiographie und seinen Briefen / herausgegeben von Dr. Elias Haffter
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eine der schönsten Straßen Wiens, sieht ganz infam aus. Seltensieht man noch ein ganzes Fenster, die meisten Häuser sind mitKugeln oder ihren Spuren wie gespickt, ganze Ecken und Fenster-pfosten sind weggerissen, Balköne herabgeschossen, Säulen entzwei,und am Ausgange gegen den Prater, wo die Hauptbarricade war,sind die beiden angrenzenden Eckhäuser so verbrannt und ver-bombardirt, daß sie mit klaffenden Rissen den Einsturz drohen.Auf den halbabgetragenen Barrikaden lagern noch einige Com-pagnien, und mehrere Zwölfpfünder bitten um Ruhe und ordent-liches Betragen. Wer in die innere Stadt hinein oder zu denLinien hinaus will, muß sich erst beim betreffenden Militär-kommandanten einen Passirschein holen; wer an einer Zusammen-rottung von mehr als 10 Leuten theilnimmt, kommt vor Kriegs-gericht u. s. w. Auf diese Art wird ein äußerst solides undeingezogenes Leben sehr erleichtert, nur glaubt man kaum mehr,in Wien zu sein. Es ist jetzt hier langweilig und düster, kurzeine Zeit, die mich sehr einladet, bald einmal ein Logis im Ge-bärhause zu nehmen und dort in einem 810 wochenlangen Cursenur dem Handwerk zu leben.

Ich höre auch soeben, daß morgen wieder Briefe abgehen,und freue mich herzlich, daß Ihr nicht noch länger unnöthigeSorgen um mich haben müßt. Wie gerne hätte ich Euch schonfrüher aus der Ungewißheit gerissen, allein es war rein unmög-lich, nian saß hier wie in der Hölle fest, und kein Laut, keineZeile drang über die Kluft, die zwischen der übrigen Welt undWien lag.

Ich hoffe, Ihr bekommt meinen ersten Brief, der wohl heuteschon abging, zwei Tage vor diesem, und bitte Euch nochmals umbaldige Antwort.

Sendet doch gütigst den inneliegenden kleinen Brief anDr. Niederer, und grüßt mir die H. Herrn Pfarrer, Arbenz,Roth, Sonderegger und Dr. Custer freundschaftlichst, sowieauch die übrigen werthen Freunde, die meiner gedenken!

Ebenso meine herzlichen Grüße den lieben Brüderchen, Euch,theuerster Vater, von Euerm dankbaren Sohne

I. Laurenz.