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Die neue Zeit.
vom Dichter beabsichtigte Moral drängt sich nirgends auf, sie ergibtsich ungezwungen aus der Einfalt und Naturgemäßheit der Erzählungselbst. „Ist eine Moral in der Fabel enthalten, was habe ich nöthig,sie noch davon abzusondern?" „Im übrigen — sagt er an einem Orte— machte ich bishin noch keine Fabel in der Intention, den Menschenzu unterrichten, wol aber zu ergötzen." Sprache, Vers und Reimsind gefällig. Die Naturbeschreibungen gehen nach der Sitte der Zeitmanchmal sehr ins Breite. Einen eigentümlichen Reiz erhalten dieseFabeln durch das ihnen mitgeteilte lyrische Element.
Am liebsten befaßt sich Meyer von Knonau mit Darstellungenaus der Bogelwelt, wo er wiederum die feinste Individualisierungwalten läßt. Daher gehören auch Stücke wie „die Bögel und dieNachtigal", „die Meise und der Sperling ", „die Bögel und die ver-haßten Eulen" zu den gelungensten der kleinen Sammlung. Der satteSperling höhnt die sorglos fröhliche Meise zur Winterszeit, da eS mitihrer Nahrung kümmerlich steht: „Was dient dir nun dein stetesSpringen, Dein Hüpfen, Fliegen und dein Singen, Dein Zizipa,dein Zizipa? Sing lieber: ach, mein End' ist nah!" Der Meise istjedoch nicht angst, daß ihr Geschlecht vergehen werde, so lange eö nochWürmer und Mücken gibt. „Nein, wer nicht nach dem Morgenfragt, Der lebt vergnügt und unverzagt. Der holde Lenz mit seinenSchützen Wird meinen Mangel schon ersetzen; Ich singe schon, alswär er da, Mein Zizipa, mein Zizipa." Sehr ungerechtfertigt machtesich Mylius in den „Bemühungen" über diese Fabel lustig undspöttelte, einige Kaufleute in Sachsen wollten solche Meisen, die Zizipariefen, aus der Schweiz kommen und in ihre Wälder setzen lassen-Trefflich ist die Fabel „die Thiere und der Jupiter", in welcher Fisch,Fledermaus, Rabe, Schnecke, Schwein, jedes auf seine Weise, demGotte dienstfertig und wohlgefällig sein wollen. Der Rabe bringt ihn:gestohlenes Gut dar; das Schwein mästet sich ihm zur Ehre; undauch die Schnecke kriecht an einer Bohnenstange hinauf und umwindetdieselbe mit ihrem Schleime. „Sie sprach: Ei, welch ein schöner Kran;Und welch ein rein gefärbter Glanz, Womit dem Jupiter gcdicnctwerden kann! Sie sank anbei in andachtsvollem Sinn In einentiefen Irrthum hin Und pries den Schleim für hoch und heilig an "Nur das fromme Schaf sieht ein, daß Jupiter ohne seinen Dienstbestehen kann und empfiehlt sich und seine Jungen in Demut der gött-lichen Fürsorge. Wie anmutig sind ferner die Fabeln von der frohenLerche, oder die von der Zeit und der Raupe, die Herder frei nach-geahmt hat! Die vergnügte Lerche kann sich nicht länger enthalten,ihr Wohlsein zu besingen und schwingt sich jubelnd in die Lüfte. „Sie