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Die Schweiz als Industriestaat / von Dr. Emil Hofmann, Nationalrat in Frauenfeld
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baierns und Württembergs schätzt man schweizerische Arbeiter und Werk-führer gar hoch, und beklagt es gar sehr, daß das Angebot derselbendie Nachfrage nicht befriedigt. Unter den Fabrikanten findet man Männervon wahrhaft industriellem Genie, Männer, die mit dem Haspel alsSpinnerbuben anfingen und jetzt über viele Millionen gebieten; Leute,einfachen, schlichten Wesens, aber begabt mit einer überlegenen Intelligenz,mit seltener Energie; Leute, die auf industriellem Gebiete überall wissen,worauf es ankommt, und, das vorgesteckte Ziel nicht aus den Augenlassend, es sicher erreichen, mögen auch welche Hindernisse immer sichihnen entgegentürmen; Fabrikanten, die ihre Kommanditen an den ent-ferntesten Enden der Welt haben und in allen größeren Häfen ihreAgenten und Spediteure beschäftigen; scharf beobachtend, großartigspekulirend, immer rechnend. Das ist industrieller Sinn!"

Gewiß haben Handelsfreiheit und industrielle Naturanlage wie auchGewerbefreiheit, politische Verfassung, geographische Lage und Geschichte,die von andern Kommentatoren und Historikern mehr in den Vorder-grund gestellt werden möchten, bei der industriellen Entwickelung derSchweiz gleichfalls eine Rolle gespielt. Aber sie alle zusammen genügennoch nicht zur befriedigenden Erklärung dieser Erscheinung, die wir imfolgenden in ihrem Werdegang skizziren möchten, um daraus die treibendenund hemmenden Kräfte im allgemeinen wie im besonderen näher kennenzu lernen.

Es ist für das schweizerische Kulturleben von nicht geringer Be-deutung, daß die Alpen auf ihrem Gebiete drei großen Strömen dasDasein geben. In Helvetien flössen zur Zeit der Römerherrschaft dieWaren aus Italien und von der Donau zusammen, um vom Rheinstromweiter getragen zu werden. Durch Helvetien führte eine der belebtestenund größten Verkehrsstraßen des europäischen Festlandes, welche dieHäfen der Nordsee mit denen des mittelländischen Meeres verbindet.Wohl ward die römische Kultur durch die Völkerwanderung zertrümmert,aber ihre Spuren waren nicht ganz zu vertilgen. Allmälig lebten diealten helvetischen Märkte und Handelsplätze wieder auf. Zürich wardwieder eine ansehnliche Handelsstadt. Sie teilte in dieser Beziehung dasSchicksal Basels. Beide vereinigten in sich den Vorteil der geographischenLage und einer freien Verfassung mit der Einwanderung gewerbsfleißigerFremder, denen sie gastliche Zuflucht boten. Aus Italien, Frankreich undDeutschland erhielt der schweizerische Gewerbefleiß bald durch politische,bald durch religiöse Kämpfe wertvollen Zuwachs. Diese Flüchtlingeführten manche neue Gewerbe ein, oder vervollkommneten die alten. DerHandel vermittelte bald für die Fabrikation den Absatz aus entfernte