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Die Schweiz als Industriestaat / von Dr. Emil Hofmann, Nationalrat in Frauenfeld
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5. Handelsbilanz.

Unsere Handelsbilanz ist schon lange eine Passive. Die Schweiz teiltauch in dieser Beziehung das Schicksal der Mehrzahl der andern Industrie-staaten, von denen beispielsweise Großbritannien seit 1854, Frankreich seit 1870 konstant eine passive Handesbilanz ausweisen.

Seit 1885 ist unsere Einfuhr von 681 auf 1,111 Millionen imJahre 1900 die Ausfuhr von 641 Millionen auf 836 Millionen an-gewachsen. Die Unterbilanz hat sich somit absolut versiebenfacht. InProzenten der Einfuhr betrug sie im erstgenannten Jahr 5,8 und imletztgenannten 24,^. Während die Einfuhr um 430 Millionen zunahm,ist die Ausfuhr bloß um 195 gewachsen.

Berücksichtigt man, daß der Überschuß der Einfuhr über die Aus-fuhr von 18851900 nicht weniger als 3485 Millionen ausmachte, sokann man sich unschwer darüber klar werden, daß die Angst vor einerpassiven Handelsbilanz unbegründet ist, denn wenn die merkantilistischeAuffassung derselben richtig wäre, müßte unser Land bei einem Aderlaßvon beinahe 3'/? Milliarden in 16 Jahren einfach dem Ruin nahe sein.Daß dies nicht der Fall ist, dürfte im Vorangegangenen zur Genügebewiesen worden sein.

Als weiteres Argument führen wir die Tatsache an, daß die Ein-fuhr und mit ihr die Unterbilanz des schweizerischen Außenhandels je-weilen in guten Zeiten am stärksten anschwillt, in den schlechten Jahrendagegen zurückgeht. Die Jahre des allgemeinen Niederganges und Tief-standes im Welthandel 1885 und 1886 und dann wieder 1893 und1894, weisen auch im schweizerischen Handel die günstigste Handelsbilanzim merkantilistischen Sinne aus, während sowohl die Einfuhr als dieUnterbilanz in den guten Zeiten von 18891891 und wiederum von1895 bis und mit 1899 die höchsten Ziffern erreicht.

Ein weiterer Beweis dafür, daß die Mehreinfuhr nicht die ihr auchheute noch vielfach zugeschriebene ungünstige Wirkung auf den National-wohlstand ausüben kann, liegt in der Zusammensetzung der Einfuhrselbst. Mehr als der dritte Teil derselben fällt aufs Konto der Rohstoffe,welche wir ohne Zweifel mit dem Wertzuwachs, den sie durch unsereGewerbetätigkeit erfahren, bezahlen. Daß sich die Einfuhr von Rohstoffenin der genannten Periode um rund 100 Millionen vermehrt hat, wirdman um so weniger bedauern können, als wiederum die guten Jahredas größte Wachstum derselben verzeichnen.