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In dem steigenden Rohstoffbedarf unseres Landes zeigt sich dasWachstum unserer industriellen Kraft, wenn auch nicht in Abrede zustellen ist, daß von Zeit zu Zeit eine Überholung des Exports durch dieallgemeine Produktion stattfindet, und daß die Industriezweige für dieExportspezialitäten mitunter in ihrer Entwickelung einen Stillstand er-leiden und sich konsolidiren müssen.
Dies ist der Punkt, an dem die Pessimisten in der Beurteilung derHandelsbilanz unseres Landes wiederum einsetzen. Sie weisen darauf hin,daß der Export sich mitunter ziemlich unabhängig von der einheimischenProduktion bewegt, indem diese den einheimischen Markt fortschreitendkultivire. Gewiß ist dieser Gedankengang sehr berechtigt und könnten ausdem früher Gesagten mancherlei Beispiele hiefür angeführt werden. Aberdiese würden doch nichts anderes beweisen, als eine Ausdehnung undeine Steigerung des Konsums, d. h. eine Verstärkung der Kauf-- undKonsumkraft unseres Volkes, was wir nicht als ein Unglück, sondern alsein Glück betrachten. Je tiefer und breiter die Konsumkraft eines Volkesist, um so größer das Maß des allgemeinen Wohlbefindens, um so höhersein Kulturzustand, um so gleichmäßiger und intensiver die Steigerungseiner Gewerbekraft. Übrigens ist diese Steigerung des Anteils unseresVolkes am Konsum der eingeführten Rohstoffe, d. h. der daraus her-gestellten Jndustrieprodukte nicht so gewaltig, daß dieselbe zu ernsterBesorgnis Veranlassung geben und den oft gehörten Satz beweisen könnte,daß unser Volk zu viel brauche. Betrachtet man dieselbe unter Berück-sichtigung der Bevölkerungsvermehrung, so beträgt sie von 1888—1900nicht einmal ganz 7 Franken auf den Kopf der Bevölkerung.
Wir sehen darum auch in unserer starken Lebensmitteleinfuhr keinenGrund zur Besorgnis. Ein solcher wäre erst vorhanden, wenn darausauf ein Zurückbleiben der einheimischen Produktion geschlossen werdenmüßte. Doch das ist nach dem Urteil kompetenter Fachleute nicht derFall und schätzt beispielsweise Bauernsekretär Dr. Laur die Steigerungdes Produktionswertes unserer Landwirtschaft von Mitte der achtzigerJahre bis Mitte des folgenden Jahrzehnts auf rund 47 Millionen.Unsere Lebensmitteleinfuhr, welcher, beiläufig gesagt, auch eine ansehnlicheAusfuhr von solchen gegenübersteht, ist wiederum ein Beweis größererKonsumkraft. Diese größere Konsumkraft ist in erster Linie das Ergebnisder Bevölkerungsvermehrung und erst in zweiter Linie das Produkt derErhöhung der Lebenshaltung. Das Maß des Einflusses dieser Letztemauf die Einfuhr ist daraus ersichtlich, daß die Lebensmitteleinfuhr proKopf der Bevölkerung im Jahr 1888 80, z und 1900 90, y Frankenerforderte.