20
Schneeflcck die grauen, kahlen, zerrissenen Felsen. Links oben,aus des Berges Kamm weidete eine riesige Schafherde; denndiese genügsamen Tiere finden überall noch etwas zn beißen,bis hinauf fast zum ewigen Schnee. Alpenblümchen aller Arterfreuten hier das Auge: dunkelviolette Alpenveilchen nieten unsfreundlich zu, tiefblaue Vergißmeinnichtchen grüßen so innig aus-dem feuchten Grase, zierlich gefranste Soldanellen keimen dort,wo gestern noch Schnee lag, weißer Gletschcrhahnenfuß bildet,unterbrochen von roten kurzstieligen Lichtblümchcn und sattblauenEnzianen, einen bunten Teppich. Nur die Alpenrosen vermißtenwir schmerzlich und bekamen auch später keine zu Gesichte. All-malig wurde sogar die ärmliche Vegetation noch spärlicher undab und zu deckten Schneezungen den Weg, es sind dies meistUeberbleibsel niedergegangenec Lawinen. Ein frischer Wind jagtedie Nebel behend durchs enge Tal; ivic von Furien gejagt, eiltendie leichten, abenteuerlichen Gestalten an den felsigen Bergabhängcndahin und schmiegten sich enge an die vielgestaltigen, sonderbar-gebildeten Felswände des Wildstrubels an.
Schon 3'/, Stunden hatte die Wanderung gedauert undnoch war die Paßhöhe nicht erreicht; da stießen die VorderstenFreudenrufe aus; gewiß haben sie den Daubensee erreicht.Wirklich bestätigte sich meine Vermutung; denn vor uns lagin majestätischer Ruhe der graugefärbte See. Kein Wasscrfall
unterbrach die Todesstille; kein Vogel netzte seine Schwingent im kühlenden Bade und auch von Vierfüßlern war nichts znhören und zu sehen. Hütte nicht eine frische Brise die Dber-* fläche des Wassers leicht gekräuselt, wahrlich man wäre versuchtgewesen zu glauben, im Reiche der Schatten zu sein. Vomsüdlichen Ende her wird der See gespeist; ein Abfluß ist nichtsichtbar. Der naheliegende Lümmergletscher sendet seinen Abflußerst in ein kleines, noch eisuinpanzcrtes Wasserbecken, von wo ersich dann dem Taubensee zuwendet. Zirka um 10 Uhr erreichtenwir Gemmi-Paßhöhe, 2306 m über Meer. Vom nahen Hotel