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I. Wesen des Talentes und verschiedene Arten desselben.
Talent bedeutet im heutigen Sprachgebrauch irgend einehervorragende Begabung, eine gute Anlage, die sich als Leichtig-keit in der Erlernung, als Gewandtheit und Sicherheit in derAusübung irgend einer Kunst oder Wissenschaft darstellt. DasWort ist griechisch ( to rülavrov) und bedeutet ursprünglich dasZugewogene und dann geradezu ein bestimmtes Gewicht Silber,nämlich 125 Pfund, ungefähr einen Wert von 5000 Frk. Beiden Griechen bezeichnet das Wort sodann bildlich das Zugewogenean irdischem Glück, nach jener alten Vorstellung, dass das uner-forschlich waltende Schicksal jedem Menschen sein bestimmtes Teilan Erdenglück und Freude wie an Prüfungen und Leiden im vorauszumisst von seiner Geburt an, so dass er selbst in der Hauptsachedaran nichts zu ändern vermag und keine Macht der Welt es von ihmabwenden kann. Niemals bedeutet Talent bei den Griechen undRömern eine geistige Gabe, eine hervorragende Fähigkeit. DieserGebrauch des Wortes ist erst später aufgekommen, und zwar, wiees scheint, durch das bekannte Gleichnis Jesu (Mat. Kap. 25)begünstigt, worin die Güter der höchsten und ewigen Wahrheit,die Erkenntnisse, die zum Reiche Gottes geschickt machen, damitbezeichnet sind.
Heutzutage hat das Wort seine ursprüngliche wie seine reli-giöse Bedeutung fast ganz abgelegt und ist vielmehr weltlichgeworden, indem es jede hervorragende Begabung, die auf nütz-liche Tätigkeit anwendbar ist, bezeichnen kann. Und zwarpflegt man auch den Menschen, der eine solche Gabe oder derenmehrere besitzt, selbst ein Talent zu nennen, eine weitere bild-liche Bedeutung des Wortes, die sich erst in neuester Zeit ent-wickelt hat. Man sagt: »Dieser Schüler ist ein wirkliches Talent«,wenn mau ihn nach seiner geistigen Natur von der Mittelmässig-keit unterscheiden will.
Das Talent ist die Freude des Lehrers, da es seine Müheund Arbeit durch leichtes Verständnis, lebhaftes Interesse undraschen Fortschritt am reichsten belohnt. Aus seinen Augenleuchtet geistiges Leben, Freude an der Wahrheit, an Kunst undWissenschaft, und fast alles, was es unternimmt, gelingt wohl.Das Talent ist der Vorarbeiter seiner Klasse, von dem die andernfortwährend lernen, vorwärts gezogen werden und Nachhülfeempfangen, bei dem sie allerdings oft auch unerlaubter Weise zuGaste gehen. Das Talent ist die Zierde der Schule, die jedem