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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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12 Einleitung. Kostümgestaltung im 12. und 13. Jahrhundert.

Ermel desselben. Im Uebrigen begnügten sich auch die Weiber vorerstnoch durchgängig mit einem meist linnenen tunikaförmigen Unterhemdemit engeren oder weiteren Ermeln, gegürtet oder unge-gürtet (Fig. 6), einem darüber zu ziehenden Rockund einem von dem männlichen Mantel kaum ver-schiedenen Schulterumhang. Jene das Oberge-wand, den Rock, betreffenden Umwandlungen abersteigerten sich nicht lange nachdem sie überhaupt ein-getreten waren dann selbst bis zu einem so hohenGrade, dass man nun, um den Oberkörper in genauerAbzeichnung erscheinen zu lassen, sogar dazu schrittdas diesen Theil bedeckendeLeibchen an den Seitenaufzuschlitzen und zu schnüren, und dass man dievordem nur einfachen Ermel zu sehr weiten Hänge-ermeln umschuf, indem man sie theils gleich von denSchultern aus beträchtlich erweiterte, theils von da biszum Handgelenk eng, und erst von hier aus ingleicher Weise, ja bis zum Uebermaass ausdelmte.Auch ging man noch weiter sofern man nun auch dasganze Gewand zu einem langen, faltigen Schleppkleidverlängerte (Fig. 7).

In Folge solcher Entartung indess, dagegen sich auch bald die Geist-lichkeit um 1195 auf einem Coneil nachdrücklich erhob, blieb dann, undzwar zugleich als Vorgang für die Wandlung der männlichen Kleidung,ein'abermaliger Rückschlag nicht aus. Derselbe äusserte sich bereits zuAnfang des dreizehnten Jahrhunderts in dem Aufgeben der Hängeermelund führte schliesslich zu der Gestaltung des eben hienach von den Män-nern angenommenen Ueberziehkleides, jenes meist ermellosen Gewan-des, das, abgesehen von diesem Mangel, der altrömischen tunica talarisglich. Der einzig wesentliche Unterschied zwischen diesem Kleide derMänner und dem der Weiber bestand darin, dass letztere es gemeiniglichvon weit beträchtlicherer Länge trugen, so dass sie es, hauptsächlichbeim Gehen, an der Seite aufnehmen mussten (Fig. 8 c). In allem Wei-teren jedoch, so namentlich auch in Stoff und Verzierung, pflegten esfortan beide Gesclilechter völlig übereinstimmend zu tragen.

Dieses Gewand nun, aus dem sich alsbald noch andere, doch ihmähnliche Ueberziehkleider mit Ermeln ergaben, wie solche die Männerdann auch annahmen, bildete fernerhin neben der bereits seit Alters ge-bräuchlichen langen Ermeltunika, dem ursprünglichen Oberkleide, dasvorzüglichste Kleidungsstück. Da man dasselbe, hauptsächlich wohl umdie inzwischen gesteigerte Enge jener Tunika zu verdecken, durchgängigerungegürtet liess, ward der sonst übliche Obergürtel, als nunmehr zweck-

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