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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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32 Einleitung. Kostümgestaltung im 12. und 13. Jahrhundert.

pflegt, dass man sich von dem einmal Ueblichen nicht sogleich loszusagenvermag, blieb man auch hiebei noch zunächst bei den althergebrachtenFormen stehen. Noch lange, ja selbst noch während der Dauer vonmindestens einem halben Jahrhundert, nachdem schon die neue Richtungdes Geistes innerhalb des baulichen Betriebs ihren Ausdruck gefundenhatte, liess man es sich, und zwar namentlich bei der Verfertigung desKirchengeräths, an der beständigen Wiederholung jener Gestaltungsweisegenügen, wie solche seit dem zehnten Jahrhundert im Anschluss an denromanischen Baustyl durchgängig gebräuchlich geworden war. Erstnach so langer Uebergangszeit, nicht vor der Mitte des dreizehnten Jahr-hunderts, begann man allmälig sich davon zu trennen, und sich nun auch1 auf diesen Gebieten durch Aneignung und selbstschöpferische Verwerthungder bereits yngermanischen Baustyl ausgeprägten Darstellungsform derneuen Zeitrichtung gemäss zu bewegen.

Von den zahlreichen Kirchengeräthen war es zunächst unterden Gefässen bei allendem doch vorerst nur der Kelch, dev wirklichdavon berührt wurde. Seine einmal durch den Zweck fest bestimmteGrundform freilich konnte kaum eine Wandlung erfahren; dahingegenbemühte man sich nunmehr ihn in seinen Theilen leichter, schlanker zugestalten und diese selbst, so namentlich den Fuss, den Schaft undMittelknauf, statt mit den bisher dafür üblichen schwerfälligeren Orna-menten, mit freierem, eben jenem Styl entsprechenden Zierrath zu ver-sehen, ihn überhaupt in noch höherem Grade zum Gegenstand künst-lerischer Pracht zu erheben.

Zu den ferneren Kirchengefässen, die nun theils ihrer Bestimmungnach kaum eine Umwandlung zuliessen, theils aber auch, wie es scheintin der That selbst noch bis zum Schluss des dreizehnten Jahrhundertskeine merkliche Veränderung erfuhren, zählten nach wie vor zuvörderstnächst der zum fcelch erforderten (Hostien-) Schüssel oderpatenaund der, jedoch nur gelegentlich zum Genuss des heiligen Weins ange-wendeten Saugröhre (fistula, sypho u. a.), die nicht unbeträchtlicheMenge der nach ihren besonderen Zwecken je eigens gestalteten Kan-nen und Kännchen (ampulla, amula, manile) und die .wiederumdazu gehörenden verschiedenen Becken Und Untersatzschüsseln. Hiervonwurden, wie ehedem, die patena von Metall, in einzelnen Fällen sogarvon Gold und am Rande reich verziert, hergestellt, jene Kannen dagegenhauptsächlich, zum grossen Theil gleichfalls von Metall, entweder in denauch sonst allgemein üblichen Formen 'von Henkelkannen oder in oftwunderlich zusammengesetzten Gestaltungen von Thieren, Reitern u. a.gebildet, wobei man dann den Ausguss zumeist auf der Stirnmitte an-brachte (Fig. 24). Nächstdem zählten dazu nicht minder die mancherleiArten kleiner Büchsen (capsa, pyxis, pyxomelum) zur Aufbewahrung