78 I. Das Kostüm vom Beginn des 14. bis zum Beginn des 16. Jahrh.
dass man es wie jenes Kleid verengerte, am Hals ausschnitt und mitlangen Ermeln beliess (Fig. 47 c) — mit kürzeren Ermeln von mehr oderminderer Länge und Weite zu versehen und auch wohl noch längernachschleppen zu lassen (Fig. 46 c; Fig. 47 rf); im anderen Falle gingman von der dem oberen Gewände seither auch sonst schon vorherrschendeigenen Gestaltung, der des ermellosen Ueberwurfs aus (Fig. 36 c), diesennun theils nach denselben Maassnahmen der Verengerung und Einschnürung,theils aber, unabhängig davon, in besonderer Weise weiter ausbildend.So aber wurde denn eben dieses ermellose Ueberwurfkleid entweder auch,wie im ersten Falle, dem Körper nur enger angepasst und zum Knöpfenoder Schnüren eingerichtet (Fig. 47 b), oder auch, ohne es so zu ver-engen, von nur massigerer Weite beschafft, überhaupt aber mehrentheils,um das Enterkleid zeigen zu können, jederseits, zur rechten und linken,von den Hüften herab aufgeschlitzt und die Schleppe noch erweitert(Fig. 46 b). Beides, die Schlitze und die Schleppen, behagten, als auf-fällige Neuerungen, den strengeren Sittenrichtern nicht, die sich alsbalddagegen erhoben. Die Schlitze nannten sie spottweise „fenetres d’enfer“durch welche die Teufel der Gefallsucht hindurchblickten, die Schleppenaber, die auch allerdings in Frankreich unter Karl V. (seit 1364) undin England bis zur Regierung Richards II. (bis 1377) zu Ellenlängeheranwuchsen, suchten sie fast noch herber zu strafen, indem sie dagegen,so namentlich in England, eigene Schmähschriften verbreiteten, freilichauch wiederum ohne Erfolg, wie denn trotzdem gerade diese Mode dannselbst noch durch Isabella von Baiern, die Gemahlin Karls VI., seit1385 ganz besonders begünstigt ward. — Falls man auch dies Kleid mit*Ermeln versah, was in der Folge mehrfach statt hatte, indem manSeitenstücke einsetzte, pflegte man jene theils ebenso, wie an dem anderenOberkleide mit den Ermeln des unteren Rocks von gleicher Länge oderkürzer, bald enger, bald weiter zu gestalten (Fig. 47 c. d), theils jedochauch, ganz ähnlich den Ermeln an der „houppelande“ der Männer, vonsehr beträchtlicher Länge und Weite, zuweilen selbst so lang zu be-schaffen, dass sie fast den Boden berührten. In dieser Durchbildung, diespäterhin, etwa seit der Herrschaft Karls VI., auch für die Ermel desanderen Oberkleids häufiger Anwendung fand, beliebte man auch danngelegentlich sie, der freieren Bewegung der Arme wegen, bis zum Arm-gelenk aufzuschneiden und, wiederum wie bei der männlichen Kleidung,sowohl an den Schultern zu erhöhen, als auch längs den Rändern viel-fach auszuzacken. Noch sonst aber ward gerade dieses Gewand vorallem kostbar ausgestattet und ganz abgesehen davon, dass man dafürje nach Vermögen stets einen besonders theuren Stoff, gold- oder silber-durchwobene Seide, Sammt, Damast, Tuch u. dergl. wählte, es auch wohlmit seltenen Pelzarten, mit Zobel, Hermelin oder Marder, füttern und ver-