A. Tracht. Deutschland . Kleiderordnungen u, s. w. (1600—1700). 1055
S( A'gt seyn will, muss französisch können, und besonders in Paris , wel-ches gleichsam eine Universität aller Leichtfertigkeit ist, gewesen seyn,w ° nicht, darf er sich keine Rechnung am Hofe machen . . . Indessenmöchte dies noch hingehen . . . Allein dies ist auch bis auf Privat-personen, und bis zu dem Pöbel gekommen, und man darf sich nur inden Städten umsehen, so wird man finden, alles ist französisch.“ —»Will ein Junggesell heute zu Tage bey einem Frauenzimmer attressehaben, so muss er mit französischen Plütigen, Westen, galantenStrümpfen u. s. w. angestochen kommen. Wenn dieses ist, mag er gleichSOl >st eine krumme Habichts-Nase, Kalbes-Augen, Buckel (oder wie esandere, die dergleichen Personen affectionirl sind, hohe Schulder nennen),Raffzähne, krumme Beine und dergleichen haben, so fragt man nichtsdarnach; Genug, dass er sich nach langem lernen a la mode frans stellenkann. Man hält ihn für einen recht geschickten Kerl, ob er gleich sonstnicht für einer Fledermaus erudiüon im Kopff, und anstatt des GehirnsHäckerling hat. Es ist und bleibt ein Monsieur, bevoraus wenn er etwasWeniges parliren kann“ (u. s. f.). —
Bei allendem war die Französirung jedoch auch jetzt noch keines-We gs etwa überall eine völlig gleiche, selbst beim weiblichen Ge-flecht der höchsten Stände. Nicht durchweg vermochte man mit denfranzösischen Vorgängen übereinstimmend Schritt zu halten. EinzelneOrte oder Gebiete folgten ihnen schneller, andere langsamer. Zudema ^ cr > dass die Weiber, ebensowenig wie die Männer, in der Gesammt-anordnung an sich eine gewisse, dem deutschen Wesen einmal eigeneer bheit zu verleugnen vermochten, trat gerade bei ihnen ein solcheryjttterschied um diese Zeit besonders merklich hervor, da die weiblicheAleidung in Frankreich , wie denn eben vornämlich seit der Mitte derSl ebziger Jahre dem häufigsten Wechsel unterworfen blieb. Vor allem^ n d mehrfach unmittelbar nahmen die westlicheren Gebiete daranfr e 'l, mittelbarer und langsamer die östlicheren Länder, wo mangemeiniglich stets um mehre Jahre zurückblieb, und wo selbst noch um. en Schluss des Jahrhunderts (um 1700) beim weiblichen Gcschlechte,•ja sogar am kaiserlichen Hofe zu Wien , die Ausstattungsweise vor-err schte, welche in Frankreich bereits seit Beginn der neunziger Jahrena bezu abgethan war (Fig. 373 a b-, vergl. Fig. 364). —
Die Aufwandgesetze und Kleiderordnungen mehrten siebfeleieli seit Anfang des Jahrhunderts ungemein schnell, hie und da inf überstürzender Hast. Nach den Erfahrungen jedoch, die man inein Punkte vollauf gemacht hatte, richteten Fürsten und Behörden beiUmstellung derselben das Hauptaugenmerk nun weniger auf eine Be-Sc fänkung des Aufwands überhaupt, als vielmehr immer entschiedenerai, f die Feststellung und mögliche Erhaltung eines Unterschieds von Rang