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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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III. Das Kostüra des 17. Jahrhunderts.

fachung des kirchlichen Dienstes u. s. w., auch zu einer strengerenMaasshaltigkeit im Allgemeinen nicht wenig beigetragen, was denn selbstauf die Katholischen dementsprechend zurückwirkte.

Auch in Italien , im Ganzen betrachtet, hielt der weit überwie-gende Theil der Bevölkerung entweder an seinen seit lange eigens durch-gebildetenlandesüblichen Trachten fest, oder verstand sich zu einerWandlung der sonst bestehenden (spanisch-französischen) Formen imSinne der nunmehrigen, rein französischen Gestaltungsweise, doch nurschwer und mit wenig Geschick. So einerseits in den ländlichen Krei-sen und auf den Inseln, andrerseits in den kleineren Städten, namentlichdes mittleren und südlichen Gebiets. In Neapel und hauptsächlich inRom dagegen fand, mindestens bei den höheren, gebildeteren Ständen,die französische Mode vielfach sofort willkommene Aufnahme; ebenso,in noch weiterem Umfange, in den grösseren Städten des nördlichen Ge-biets, wie insbesondere in Florenz , Mailand , Bologna , Genua,Verona u. s. f., sowie auch, obschon mit dauernderem Beibehalt ein-zelner Herkömmlichkeiten, in Venedig . Das männliche Geschlechtging darin voran, ja sich dem französischen Vorgänge zumeist alsbalddergestalt eng anschliessend, dass schon nach Verlauf von zwei Jahr-zehend zwischen seiner kleidlichen Gesammterscheinung und der der gross-städtischen Franzosen kaum noch ein eigentlich auffälliger Unterschiedbestand. Abweichend hiervon bewegten sich eben fast lediglich die vor-nehmen Venetianer; jedoch auch wesentlich nur insofern, als sie fort-dauernd, bis über den Schluss des Jahrhunderts, das lange schwarzevorn offene Ueberkleid mit langen, weiten, gänzlich offenen oder ge-schlossenen (Sack-) Ermeln, im Winter bisweilen mit Pelz ausgeschlagen,und, als Standesabzeichen, diestola trugen (S. 672). Die Weiberfolgten vcrhältnissmässig langsam, ausgenommen allerdings die reicheren»Cortigianen, welche sich nun vielmehr die französische Weise mitihrem leichtfertigen Prachtaufwande und allen ihren auf Sinnenreiz be-rechneten offenen und geheimen Mitteln gerade vorzüglich zu eigenmachten. Anders jedoch das ehrbare Weib; um so eingreifender undnachhaltiger, als diesem schon kurz nach dem Beginne des Jahrhundertsimmer weniger Gelegenheit geboten ward, sich in dem Punkte hervor-zuthuen. Die ihm vordem, wenigstens gelegentlicher eingeräumte Frei-heit sich in männnlicher Gesellschaft und überhaupt mehr öffentlich zubewegen, erlitt durch die wiederum verschärfte Eifersucht der Männer,und das als Anstandgebot dadurch von neuem belebte Abschliessungs-system, abermals die äusserste Beschränkung. Nicht lange, so galt essogar als unstatthaft, dass selbst ältere verheirathete Frauen ohne Be-