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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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III. Das Kostüm des 17. Jahrhunderts.

^Sachsen (seit 1696). Denn so gross auch der Einfluss war, den^ die Regierung dieses prachtliebenden Fürsten auf die Lebensweise undLebensformen als solche ausübte, vermochte doch auch sie im Punkteder Tracht vorerst noch, namentlich aber beim männlichen Geschleckte,kaum einigen Wechsel zu bewirken. Abgesehen höchstens von Ein-zelnen, die dem Hofe näher standen, welche sich wohl auch nachdieser Seite hin beeinflussen Hessen , hatte diese Regierung in Rücksichtauf die Tracht wesentlich nur zur Folge, dass man sie, ohne aber sonstzu verändern, nur noch prunkender ausstattete.

Für Ungarn, das einem unmittelbarerem Einflüsse von Westennoch weniger ausgesetzt war, lag, zumal bei dem Widerstande den esfortdauernd Oestreich entgegensetzte, selbst eine blos äussere Veranlassungzu einer etwaigen Wandlung der Tracht im deutsch (-französischen)Sinne noch um so viel ferner. Hier blieb es in dem Punkte fast vollendsbeim Alten; wie beim männlichen, so auch beim weiblichen Geschlechte,ausgenommen nur dass sich die Vornehmen in der Verwendung schmücken-den Beiwerks noch reicher und mannigfaltiger, als seither, bewegten,und sich das weibliche Geschlecht in seiner besonderen Neigung zu denwestlichen Vorgängen, von diesen auch ferner Einzelnes, wie dieSchniir-biust, den Schnitt des Leibchens u. dgl. aneignete, doch auch, ähnlichwie die Polinnen, immer nur insoweit, dass es im Verein mit der sonstigenBekleidung den Gesammteindruck des Volksthümlichen nicht wesentlichbeeinträchtigte.

Auch Russland blieb sich noch bis gegen den Schluss des Jahr-hunderts fast durchweg getreu (vergl. S. 698). Denn auch die Bemü-hungen Peters I. die heimische, herkömmliche Bekleidung durch diewestländische zu ersetzen, traten nicht nur erst seit der Mitte der neun-ziger Jahre entschiedener auf, sondern fanden im Volke selber den hef-tigsten Widerstand. Nur wenig konnte es demgegenüber besagen, wennsich der Kaiser westländisch trug, und seine Umgebung, sowie höchstensnoch das Beamtenthumgezwungenermassen das Gleiche thaten. Das Volkim Ganzen liess sich einstweilen doch nicht beirren; und da, wo der Kaisermit Gewalt einzuschreiten drohte, wurde der Widerstand sogar bedenklich-Dass er den Gebrauch der langen Oberröcke ( Kuftan) dadurch zu be-seitigen suchte, dass er an den Thoren der Städte u. s. w. Soldaten auf-stellte mit dem Befehl diese Röcke, wo sie erschienen, bis zu den Knienabzuschneiden, liess man sich mit verhaltenem Unmuth allenfalls nochgefallen. Als er dann aber gar dazu schritt, die langen Bärte abzu-schaffen, das Tragen eines Barts mit einer Abgabe von hundert Rubelnzu belasten, nannte man ihn einen Tyrannen, und fehlte nicht viel, dassman aufständisch wurde.

Die Osmanen, da fortan fast einzig auf sich zurückgewiesen, be