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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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1166
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1166 IV- Das Kostüm vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis auf die Gegenwart.

besten Absichten des Königs, bei der einmal gewohnten Lebensweise.Unbekümmert, selbst völlig taub gegen jede bedrohliche Mahnung, über-liess sie sich ihren ebenso rauschenden als überaus kostbaren Vergnügungen,und ihrer nicht minder kostspieligen Sucht sich auch in ihrer äusseren Er-scheinung stets alspetite Maitresse vor allen anderen auszuzeichnen.Gleich erfinderisch wie in Ausstattung und Wechsel der Lustbarkeiten,festlichen Gelagen u. dergl., bethätigte sie sich auf dem Gebiete des kleid-lichen Aufwands, sich überdies in ihrem gesellschaftlichen Verhalten mitvielfach absichtlicher Verleugnung der Hofetiquette völlig ungebundenbewegend. So am Hofe und für die t vornehmen Kreise den Ton ange-bend, wirkte sie durch diese, mittelbar, auf die übrigen Stände, nament-lich der Hauptstadt zurück, so dass von dem niederen Volke denn haupt-sächlich sie als der eigentliche Ausgangspunkt alles Uebels betrachtetward und bei ihm auch verrufen blieb, als sie, in solchem Getriebe keineBefriedigung mehr findend, sich der Häuslichkeit zuwandte. ImUebrigen machte sich gleich seit Anfang der Regierung Ludwigs XVI.,in Folge der wachsenden Stellung Englands, auf die Lebensweiselind Lebensform der höheren und mittleren Klassen ein mehrseitiger Ein-fluss von dort in steigendem Grade, bis zur Anglomanie geltend,was nicht wenig dazu beitrug deren Verhalten den untern Klassen nochungereimter erscheinen zu lassen.

Wurde nun so allerdings nahezu der gesammte besitzende Standdurch das Gebahren des Hofs zu einem demähnlichen Gebahren veran-lasst und darin erhalten, beschränkte dies sich doch bei dem gebildeterenBiirgerthume grossentheils fast lediglich auf die bloss äussere Form.Andrerseits fuhr dasselbe fort, gerade gegensätzlich dazu, sich im Um-gänge mit den-Gelehrten und ihren Werken geistig zu fördern, und da-mit zugleich in steigendem Maasse die Männer der Wissenschaft selbstals den Mittelpunkt und Hebel der Gesellschaft zu betrachten. So aberblieb es nicht aus, dass alsbald sie, gleichwie die Gesellschaft, auchden Hof beherrschten, und mithin dieser in demselben Verhältniss, inwelchem er an tieferer Bildung zurückstand, auch in der ÖffentlichenMeinung sank. Wusste doch die Hofpartei geistige Befähigung so wenigzu schätzen, dass alles Bemühen des Verfassers des v esprit des loteum eine auch nur mittelmässige Stelle im auswärtigen Amte scheiterte.Dazu verlor der Hof an sich, seitdem die Königin der steten Feste über-drüssig geworden war, auch äusserlich an Reiz, was freilich den höfischenAdel nicht hinderte, nun besonders unter Vorgehen des Bruders desKönigs, bei seiner das Volkselend verhöhnenden Vergeudung zu beharren.Dem allen zu Folge ging die Herrschaft desguten Tons, wie desguten Geschmacks allmälig vom Hofe auf die Hauptstadt als solcheüber, wo sie sich dann um so rascher festigte, als im Bürgerstande nicht