Geschichtliche Uebersicht.
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Weise unerörtert. Vor allem aber wurde die Religion schärfster Betrach-tung unterworfen. Dem seit lange wuchernden Zweifel, genährt durchdas zumeist schamlose Verhalten der Priester und die schändlichen Um-triebe der Jesuiten , kamen die zersetzenden Schriften Julien de Lamet-trie’s und des Marquis Jean d'Argem entgegen. In ihnen suchte undfand der Unglaube eine Berechtigung, sich von den gebildeteren Ständen, indenen er bald als „Freigeisterei“ gleichsam zur Tagesmode'ward, auf dieniederen Klassen erstreckend, wo er, zumal bei deren Elend und Jammer,nur zu rasch Verbreitung fand.
So etwa äusserte sich das Verhalten im Ganzen, da Ludwig XVI. als „ le bien desire“ (1774) den Tllron bestieg. Edel, wohlgesinnt undkenntnissreich, doch ohne feste Willenskraft, misstrauisch und unschlüssig!sollte gleich sein erster Versuch, der Zerrüttung durch Berufung vonMalesherbes und Etienne Turgot zu Ministern entgegen zu arbeiten, andem Widerspruch der herrschenden Stände, des Parlaments und der Kö-nigin scheitern. Bei allen seinen Bestrebungen dem Reiche aufzu-helfen, vermochte doch auch er sich nicht von dem (Einflüsse seinerUmgebung zu befreien, die aber gewohnheitsmässig jede Einschränkung,die Rückkehr zur Ordnung scheute. Dass es dieser Partei gelang beideMinister zu stürzen, und dass nun (1776) dem als Staatsrechner berühm-ten Jakob Necker die Verwaltung des Staatshaushalt zuertheilt wurde,schien gleichwohl nach seinen nächsten Erfolgen, die ihm eine fast ab-göttische Verehrung des Volks erwarben, eine glückliche Wendung zuverheissen. Aber gerade diese Volksneigung, wie dann noch insbesonderedie Rückschläge, welche die lediglich aus Rache gegen England (1777)unternommene Betheiligung am nordamerikanischen Befreiungskämpfe(bis 1783), wozu er das Geld beschaffte, mit sich brachte, machten ihndem höheren Adel, wie dem Parlamente verhasst. Damit aber dass manihn zwang (1781) zu flüchten und dann nach dem Tode Maurepas’s(1783) durch den freilich höchst selbstbewussten Charles de Calonne er-setzte, ward das alteUebel nur noch beschleunigt. Wenn schon es auchCalonne verstand zunächst durch überraschende Erfolge zu glänzen, warer doch bei seiner an sich geringen Befähigung überdies nicht angethan,der bodenlosen Verschwendungssucht der allzu leichtlebigen Königin unddes Hofs überhaupt, irgend in den Weg zu treten. Selber vielmehr derherrschenden Schwelgerei ergeben, und so auch in der Verwaltung mitdem äussersten Aufwande vorgehend, erwiesen seine Erfolge sich nur zubald als erschreckende Scheinergebnisse. — In kaum drei Jahren hattedie Schuldenlast sich um sieben hundert Millionen Franken vermehrt,Und ein jährliches Deficit von hundert vierzig Millionen eingeschlichen.
Auch dessen ungeachtet, und trotz des fortwuchernden Volkselends,beharrte die Königin und mit ihr der Hof, auch gegenüber den stetg