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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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Geschichtliche Uebersicht.

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eine im Verfolg ihrer herrschsüchtigen Pläne um so beweglichere Naturerhielt und an Kardinal Alberoni (seit 1714) einen ebenso thatkräftigenals gewandten Minister fand. Gelang es ihren vereinten Umtrieben auchnicht, von den verlorenen Gebieten einiges wieder zu gewinnen, und musstein Folge dessen auch Alberoni selbst (1720) das Reich verlassen, wurdedoch durch die dadurch hervorgerufene allgemeinere Bewegung das Volkaus seiner dumpfen Ruhe aufgerüttelt, sowie anderseits, unter der Ver-waltung des Kardinals, auch durch Wiederbeförderung der Erwerbsmittelder so tief gesunkene Wohlstand neu belebt.

Wie verhältnissmässig gering eine solche Erhebung nun vorerst auchwar, blieb sie doch nicht ohne nachhaltigeren Einfluss. Dass der Königdem Throne zu Gunsten des Prinzen Ludwig (1724) entsagte, konntedarauf nicht zurückwirken, da, als der Prinz in demselben Jahre starb,der König wiederum die Krone übernahm. Von besonderer Bedeutungdafür aber wurde dann seine Verbindung mit Frankreich zur Hülfe ampolnischen Thronfolgekriege (1733), und der von ihm (1739) gegen Eng-land unternommene Krieg in Amerika , sowie auch seine Theilnahme (seit1743) an dem östreichischen Erbfolgekrieg.

Seitdem das Volk, aus seiner Erstarrung einmal aufgeweckt, sichwieder zu fühlen begann, trugen eben auch diese Bewegungen, ungeachtetaller der sie begleitenden Schäden und Verluste, ja vielmehr zugleichdurch diese wesentlich dazu bei, seine Wiederbelebung noch rascher zusteigern, es empfänglicher zu machen. So wenig auch Philipp V. selber sich zum Regieren eignete, bahnten doch die mit der Regierungan sich verknüpften französischen Verwaltungsgrundsätze nicht bloss inrein staatlicher Beziehung eine heilsame Wandlung an. Zu der Ordnungund grösseren Einheit, welche die Staatsverwaltung im Ganzen, wie ins-besondere auch die Gesetzgebung und Rechtspflege erfuhr, kam als nichtminder allgemein förderlich die Auflösung der althergebrachten ersteiftenHofetiquette zu mehrer Ungezwungenheit der französischen hinzu, ver-bunden mit einer allmäligen Verbreitung der französischen Sprache undder Werke französischer Schriftsteller. Auch das ernste Bemühen derRegierung die dünkelhafte Anschauung dassarbeiten unehrenhaft seimnzustimmen, blieb nicht ohne Erfolg, was denn, zumal bei dem sichdadurch mehrenden Betriebe und Wohlstände nicht wenig mitwirkte denRück stets mehr nach Aussen zu lenken, und so zugleich einem Einflüssev °n dort den Weg zu ebenen.

Der östreichische Erbfolgekrieg, inmitten dessen Ferdinand VI. (1746)den Thron ererbte, war dem Reiche nicht ungünstig. Nächst demWafifen-ru hm, den er seinem Heere einbrachte, wurden durch ihn dem Halbbruderdes Königs, Philipp, (1748) die Herzogthümer Piacenza, Parma undGuastalla gewonnen. Günstig auch gestalteten sich unter CarvajalsKoatümkunde. IIL 74