Geschichtliche Uebersicht.
1195
gehend. Noch bis nach dem Sturze Napoleons dauerten die Wirren imInnern fort, obschon seitdem enger begrenzt, wie theils auch von Oest-reich niedergehalten. Eine dauernde Beruhigung aber trat erst seit Na poleons gänzlicher Beseitigung (1815) mit der jetzt unter Mitwirkung derverbündeten Grossmächte neugeschaffenen Verfasssung ein, zufolge welcherder „Schweizer-Bund“ zweiundzwanzig unter einander völlig freie Kan-tone umfasst.
Im Vollzüge der letzten Strömung (seit 1791) griff der französischeEinfluss von den ihm seit länger zumeist ausgesetzten westlichen Land-schaften aus, unter beständiger Steigerung daselbst, rasch in weiterenKreisen um sich. Dennoch aber blieb dies bei der einmal so zähen Volks-tümlichkeit wesentlich auf die Städte beschränkt. Auf dem Lande, wieinsbesondere in den abgeschlossenen Thälern, vornämlich des Südens undOstens, setzte sich im Allgemeinen die altherkömmliche Lebensform ziem-lich unberührt fort. —
Italien ward, allein mit Ausnahme des Kirchenstaats, gleich zuAnfang des Jahrhunderts durch den spanischen Erbfolgekrieg aus seinerRuhe aufgerüttelt, und dauernd in Bewegung erhalten. Der dadurch ver-anlasste unausgesetzt engste Verkehr, ausser mit Spaniern und Oestreichern,vorzugsweise mit Franzosen, wirkte gleichwie auf die staatliche Lage, soin noch weit höherem Grade auf Sitte und Lebensweise daselbst zer-setzend ein. Die seitens der streitenden Hauptparteien, der Häuser Habs burg und Bourbon unterhaltenen Schwankungen, wie solche Piemontund Sardinien unter Victor Amadeus, dann anfänglich auch nochunter Carl Emanuel VII. (1730—1773), wenngleich nicht ohne äusserlichenGewinn, durchmachen mussten, sowie der mehrfache Herrschaftswechselvon Parma und Piacenza , Neapel und Sicilien (bis 1769), imVerein mit den ähnlichen Wechselfällen der oberitalischen Gebiete, vor-nämlich Genuas und Toscanas, lösten die bis zum Beginn desKampfes bestehenden Anschauungen und Lebensformen unter dem nunimmer weiter, schneller und tiefer sich verbreitenden Einflüsse Frankreichs ,nicht ohne Mitwirkung noch sonstiger fremdländischer Elemente, zu einerUngezwungenheit auf, die gesellschaftlich in mancher Hinsicht selbst zurWillkür ausartete. In den grösseren Städten vor Allem fiel, was sichdaselbst in dem Punkte noch Eigenartiges erhalten hatte, der Franzö-sirung nun vollends zum Opfer. Voran hierin schritten hauptsächlichBologna , Mailand , Florenz und Turin , wo, wie in Turin amfrühsten, das gesellschaftliche Verhalten sich durchaus französisch ge-staltete. Vorzüglich war es das weibliche Geschlecht, was beganndahin den Ton anzugeben. Sich aus seiner seitherigen Abgeschlossen-st befreiend, wusste es sich dafür fortan gleichsam zu entschädigen,ünd eine Stellung zu gewinnen, die jede Beschränkung von sich wies.