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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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1196
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1196 VI. Das Kostüm vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis auf die Gegenwart.

In Kurzem so entfaltete sich unter den höchsten und höheren Ständen,wie zunächst am Hof zu Turin durch die Gräfin de Verve und dann durchdie Gräfin St. Sebastian, ein völlig französisches Maitressenwesen, welches,nur zu rasch tiefer greifend, das herkömmliche „Cicisbeai“ zu einer dementsprechenden schlüpfrigen Bahn hinüberführte. So auch, dadurch mitveranlasst, mehrten sich an vielen Orten, vornämlich in Genua undNeapel , die „Cortegianen“ oder „Donne libere“, sich immer schranken-loser bewegend. Anderseits gab die Befreiung der Weiber allerdingsVeranlassung, dass von ihnen sich nicht wenige ernsteren Studien wid-meten und vereinzelt, wie die Gräfin Clelia Grillo-Borromeo nebstihren Schwestern Giillo Pamftli und Donna Genevra, selbst zu hoherGelehrsamkeit gelangten ; indessen war ja auch dies wiederum eben nur nochum so mehr angethan, dem Geschlechte überhaupt ein freies Vorgehenzu erleichtern. — Nicht viel anders gestaltete die Lebensweise sich inVenedig, obschon hier die Zustände sich zufolge der von der Republik seit dem Frieden von Passarowitz (1718) beobachteten Neutralität mehrin sich selbst fortentwickeln konnten. Immerhin aber gab dies demLeben im Allgemeinen, bei aller Uebereinstimmung mit dem der west-lichen Gebiete, ein gewisses Sondergepräge. Der fortan zunehmendeVerfall des Staats, die Verminderung seiner Heeresmaeht, seines Handelsund seiner Einkünfte, trugen das Ihrige dazu bei; zumeist entscheidenddafür jedoch war die Erhaltung der herkömmlichen Verfassung, unddie Oertlichkeit als solche. Hierdurch vorzugsweise gebunden, bewegtedas Aussenleben sich stets mehr in den gewohnten Grenzen. Und wennes auch immer üblicher ward, gerade wie in den übrigen Gebieten, denMaitressen und Cortegianen gleich ehrbaren Frauen zu begegnen, fürsie nach Möglichkeit zu verschwenden, wie die Unsittlichkeit an sichöffentlich zur Schau zu stellen, bewahrte nichts desto weniger auch dieseine demgemäss eigene Geschlossenheit. — Doch auch der Kirchen-staat, ungeachtet dieser sich bis zur französischen Umwälzung gleich-falls einer fast ungetrübten Ruhe erfreute, auch überdies vorn päpstlichenHofe unmittelbarer beaufsichtigt ward, nahm an solchem Vorgänge mitTheil. Allerdings griff hier derselbe weder so weit, noch gerade so tief,wie eben anderwärts, hob selbst auch das Abschliessungssystem derweiblichen Jugend, wie den Gebrauch diese zumeist in Klöstern erziehenzu lassen, nicht auf, gab dagegen aber um so grössere Freiheit den Ver-heiratheten. Trotzdem jedoch übte das Festhalten an jenem System aufdas Verhalten im Allgemeinen einen immerhin beengenden Einfluss. DerMange] an Jungfrauen in der Gesellschaft machte diese, bei ohnehingeringem Sinn für Bequemlichkeit und äussere Eleganz, höchst eintönig,und deren klösterliche Erziehung die Frauen überhaupt zu einer regerenUnterhaltung wenig geeignet noch geneigt, so dass Ton und Umgangs-