1290 W. Das Kostüm vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis auf die Gegenwart.
derzeitigen Mitteln. Es war im Jahre 1720, da derselbe eine Revueabhielt, welcher der französische Gesandte Graf von Rothenburg bei-wohnte mit einem Gefolge von dreissig Personen, die sämmtlich sich nachdem neuesten französischen Geschmack kleideten, wodurch solcher dennin Berlin vielfach Verbreitung gefunden hatte. Ohne Rücksicht auf denGesandten erschienen, höchlichst unerwartet, die Profosse der Regimenterin einer dem entsprechenden, nur noch übertriebeneren Tracht, in riesigenHüten mit Federn besteckt, in Röcken mit übergrossen Aufschlägen undmit gewaltigen Haarbeuteln, also dass jeder der modischen Herrn sichder auffälligen Aehnlichkeit mit den missachteten Profossen schämte, diesfortan noch um so mehr, da der König auch allen denen, die als„infam“ erklärt wurden, die Haarzöpfe abschneiden und eine Profossklei-dung nebst runden Schuhen anlegen Hess. 1 So auch, in der gleichenAbsicht, gab er seinen lustigen Räthen, wie einem Gundling, Graben%um Stein, Nossig u. A. eine absonderliche Kleidung, die aus Allem,was ihm missfiel, lächerlich zusammengesetzt war. Nur gegen den höchstgesteigerten Verbrauch der von Holland bezogenen Kattune erliess derKönig allerdings, doch eben auch nur um die heimische Verfertigungder wollenen und linnenen Zeuge zu fördern, im Jahre 1721 eine strengeVerordnung. Sie befahl, „dass sich Jedermann dieses Unraths enthalten,und sich desselben entschlagen, oder schwerer Straff und Schmach ge-wärtig sein sollte.“ Doch wurde ein Jahr frei gegeben, damit Jeder imStande wäre seinen Vorrath aufzubrauchen, hiernach aber, wer sich da-mit dennoch betreffen liess, ohne Gnade abgestraft, und zählte er zu den„gemeinen Leuten,“ an einem eigens dazu errichteten Pranger ausgestellt:Ein Verbot, das trotz der vorhandenen Fülle dieses Zeuges und obschones den heftigsten Widerspruch fand, dennoch mit solcher Strenge durch-geführt ward, dass fernerhin „niemand an diese verbotene, fremde Waaremehr gedachte.“
Ein derartig beharrliches Verhalten, zumal dauernd unterstützt durchdas Beispiel des Hofs selber, übte allmälich seine Wirkung denn dochauf die Gesammtheit aus. In den Haupt- und Grundformen freilich konntedies sich kaum mehr äussern; sie, als einmal seit lange gefestigt, folgtenauch ferner den Wandlungen des zeitläufigen Zuges durchaus. Andersdagegen im Einzelnen, wie namentlich in Betreff der Stoffe und der ver-zierenden Ausstattung. In diesen Punkten machte sich eine Vereinfa-chung zunehmend geltender, die dann überdies beim männlichen Ge-schlechte noch eigens, durch das Vorbild des Königs, ein gleichsam sol-datisches Gepräge annahm. Von den fast in alle Klassen eingedrungenenkostbareren Stoffen verblieben Sammet und Seite wesentlich nur noch dem
1 (Fassmann) a. a. 0. S. 233.