1356 IV. Das Kostüm vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis auf die Gegenwart.
die mannigfachste Verbindung gerade nur solcher Gestaltungen zu einemmeist in sich unregelmässig, scheinbar willkürlich geordneten, doch stetsin sich zusammenhängenden allseitig abgeschlossenen Ganzen. Was vor-dem an baulichen Formen, wenn auch bereits noch so abgeschwächt,Verwendung gefunden hatte (S. 1108), wurde fortan, auch mehrentheils- selbst beim Möbelwerk, gänzlich beseitigt. So auch trat aus der Füllesonstiger Verzierungsformen (S. 1108) nunmehr das Figürliche, nament-lich aber in Rundarbeit, bedeutend in den Hintergrund, wurde meist nurnoch als für sich bestehend oder aber da, wo es als Verzierung in An-wendung kam, gewissermassen gleichfalls als frei, als von dem Uebrigenabgelöst, behandelt. Demähnlich erging es dem knorrigen Rankenwerkin seinen Verschlingungen, wie auch den sonst so hänfig damit verbun-denen freien Gehängen, den Masken, Thierköpfen u. A. m. Statt dessengelangten zur Vorherrschaft in vielfältigster Durchbildung vor 4 allemein lang- und quergefurchtes, vielzackiges Muschelwerk, sowohl schalen-artig gewölbt als auch schnekenförmig gewunden, scharfkantige undeckige Schnörkel ohne festere Grundgestalt, mannigfachst geschwungenefast knochenartige Leisten und Stäbe mit rundkolbigen Endungen, theilsvereinzelt als äussere Begrenzung, theils als Umrahmung von Cartouchenund, wiederum als Schmuck der letzteren, aufgemalte, eingelegte oderauch leicht erhobene Darstellungen, als Genien, Blumen, LandschaftenGenrescenen u. dergl.; zudem, jedoch mehr nur als Beiwerke und ge-legentliche Füllsel, Blumen, Fruchtkörbe, Füllhörner, vasenartige Geräthe,Sinnbilder wie Bogen und Pfeil, Fackeln, Spinnrocken, Schäferstäbe,Gartenwerkzeuge u. s. f.: Alles dies, so namentlich das Muschelwerk,die Schnörkel und geschwungenen Stäbe, auf das verschiedenartigste,meist wunderlichste zusammengesetzt, stets jedoch auf den Eindruck hinvon unstätt schwellender Bewegung und hastiger Lebendigkeit (vergl.Fig. 411).
Mit dem Gefallen an solcher Gestaltung verband sich die besondereLiebhaberei, allerlei Hausrath, Schränke, Tische, KafFeebretter, Licht-schirme, Toiletten, Kästchen u. s. f., roth, braun, gelb zu bemalen, daraufeigens eingerichtete, bunte, fein ausgeschnittene Kupferstichbildchen zukleben, und mit Firniss zu überziehen. Es ward dies fast überall, wiein Deutschland , so in England, Frankreich und selbst Spanien in denJahren von 1740 bis 1750 als eine Modebeschäftigung betrieben, 1 vonda an aber allmälig aufgegeben. Kurz danach machte sich die Vorliebefür das Chinesische in weitergreifendem Maasse geltend; wie anfäng-lich lediglich in der Gefässbildnerei, so nun mehrentheils in Gestaltungvon Möbelwerk.
1 P. von Stetten. Kunst-, Gewerb- und Handwerksgeschichte der Reichs-stadt Augsburg. S. 262.