B. Geräth. Darstellungsform im Allgem. (1700—1750). 1355
sprechender ausgestalte oder auch, als dem überhaupt nicht mehrgemäss, aufgegeben ward. Letzteres betraf, nächst den sogenannten„Kunstschränken“ (S. 1351) und einzelnen Arten von Gefässen, bis gegendie Mitte des achtzehnten Jahrhunderts insbesondere die längs den Wän-den aufzustellenden schweren Sitzkästen und die kofferartigen Truhen,welche nun fast einzig noch bei der Landbevölkerung, den Dörflernund Bauern, fortbestanden.
Um so durchgreifender waren die Wandlungen, welche' das Geräthim Ganzen hinsichtlich der Gestaltung erfuhr. Seitdem es, einmalfrei geworden aus dem Banne der baulichen Form, sich mehr aus sichherausbildete (S. 1108), entfaltete sich nun an ihm selbst ein ebensoselbständiges als eigenheitliches Gepräge, das, so wunderlich es erschien,so auch den schwer zu vermittelnden Namen „Rococo “ und, in denachtziger Jahren, die Bezeichnung „style rocailleux “ erhielt. In Frank reich , wo solche Gestaltungsweise mit der sich hier zunächst vollzie-henden Verselbständigung des Geräths begonnen und auch schon vorBeginn des Jahrhunderts ihre Beförderer gefunden hatte, ward sie auchvor allem Hauptziel eifrigster Bethätigung. Nächstdem in Deutsch land , vorzüglich in Sachsen unter August I. und August 11., sowie auch,mehr mittelbar, in Erfindung von zahlreichen Mustervorlagen, in Augs burg , Nürnberg , München und Wien (S. 1343). Nicht minder in Spa nien und Oberitalien , dort gleichsam mit Frankreich wetteifernd,und, obschon am wenigsten heftig, wie auch in der Formbehandlung imAllgemeinen gemessener, in den scandinavischen Ländern, und fol-gends, vor allem in England.
In Frankreich , das denn vorerst immerhin maassgebend blieb,änsserte sich solche Fortgestaltung alsbald nach dem Tode Ludwigs XIV.(1715) rasch zunehmend auffälliger. Das unter der Regentschaft nunmehrvom Hofe aus sich verbreitende immer schrankenlosere Gebahren in sei-ner vorherrschend sinnlichen Richtung und all seinem tollen Uebermuth,dem auch das Geistreiche sich unterwarf, wie anderseits die damit ver-bundene, zwar conventionell gesicherte, doch leichtbewegliche Lebens-form, wirkten wesentlich dazu mit. Die ähnliche Schrankenlosigkeit mitihren stets wechselnden Abschattungen sollte allmälig auch in Dem, wasdas Leben sachlich umgab, zu bestimmterem Ausdruck gelangen. An-fänglich nur schüchtern auftretend, auch vorerst hauptsächlich nur anGegenständen der nächsten Umgebung, so an allerlei Kleinkunstwerken,wie solche der vornehme Ton zur Ausschmückung des Boudoirs und dereigenen Persönlichkeit forderte, erstreckte dies sich dann eben sehr bald,in stets bewussterem Vorschreiten, auf das Gesammtgebiet des Geräths.Es war nun aber dies auch zugleich die allmälig völlige Auflösungjedweder festeren strafferen Form zu einer bewegt geschwungenen, und