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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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1358
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1358 W. Das Kostüm vom Beginn des 18. Jahrhunderts his auf die Gegenwart.

schmacksrichtung die Möglichkeit zu bieten sieh vollauf auslassen zukönnen. Indessen wie der Geschmack denn darin auch seinen entschie-densten. Ausdruck fand, wurden doch auch nicht minder sofort die we-niger fügsameren Stoffe zu gleichem Dienste herangezogen. Dem vollen-deten Handgeschick mussten auch sie sich willig fügen. Allerdingsblieben die Forderungen, je nach deren Wesenheit, verschieden, jedochwie nun eben solche Darstellungsform wesentlich nur für sich selberschuf, fast lediglich um sich zu genügen, ja mehrentheils ohne Rücksichtauf Zweck oft dergestalt, dass sie bei Geräthen deren eigentliche Be-stimmung kaum noch merklich durchblicken liess, so wenig nahm sie esauch damit sehr genau, vielmehr folgte auch demgegenüber meist gänz-lich ihrer Eigenlaune. Dieselben Formen wie in Porcellan und sonstigenErdmischungen bildete man in Holz, Stein und Metall, ja nahm folgendsselbst keinen Anstand auch Gegenstände von Metall, sei es von reinemSilber, mit einer Lackfarbe zu überziehen. Nur das Glas hielt sich da-von freier, namentlich das farblose; trat nun aber auch rücksichtlich derVerwendung zu Luxusgefässen, ausgenommen höchstens zu Pokalen mitSchleifarbeit oder Aetzerei, auf länger hin zurück.

So ward das Tafelgeräth, ungeachtet seiner doch so fest ausge-sprochenen Gebrauchbestimmung, dem bis ins Einzelne unterworfen. Auchdie zum eigentlichen Speisegeschirr hauptsächlich zählenden flacherenGeräthe, als Platten, Tellern, Schüsseln und Schälchen, erhielten ein der-artiges Gepräge. Nicht nur dass deren Umrandungen sich sowohl imUmriss als auf der Fläche eine solche Ausgestaltung gefallen lassenmussten, dehnte sie sich nicht selten, zumal bei den tieferen Schüsselnund Schaalen, auf das Ganze aus, also dass dies ein in durchgängigerSchweifung wunderlich verschobenes, fast zweckwidriges Gebilde zeigte.Bei den noch sonst dahin gehörenden Geschirren aber steigerte dies sichgemeiniglich bis zum übermüthigsten Spiel mit den Gegenständen ansich. Es betraf dies vorzugsweise die mancherlei Arten von Terrinen,Bowlen, Saucieren und die nun zumeist als Doppelgefässe behandeltenBehälter für Salz und Pfeffer, vor allem jedoch die Tafelaufsätze,da grade sie als blosse Schaustücke die Phantasie und Laune in kei-nerlei Weise beengten. Obschon dafür vorerst noch die Vasenform ziem-lich in Geltung blieb (S. 1131), ward nun diese doch auch gleich aufsbunteste durch gebildet (vergl. Fig. 411 a b), dann daneben aber eineFülle der verschiedensten Gestaltungen, theils von seltsamster Erfindungimmer beliebter, wie insbesondere von Porcellan mit angefügten Figuren-gruppen, in Weiss mit stellenweiser Vergoldung oder auch durchwegfarbig bemalt. Und ebenso unterlag dieser Formengebung jede Artvon Kleingeschirr, von dem Vorlegelöffel herab bis zu den zierlichstenMessern und Gabeln, ja mehrentheils selbst auch das Löffel ge fass,