Buch 
Die Sittlichkeitslehre / von Julius Eisler
Entstehung
Seite
27
JPEG-Download
 

27

Die weitaus größte Zahl der intelligenten Durchschnitts-menschen wird nicht im entferntesten daran denken, eine Ge-legenheit zum Diebstahle zu benutzen; sie sind dabei wedervon Hoffnung auf Belohnung noch von Furcht geleitet; Übungund Pflichtgefühl machen die Sache zu einer selbstverständ-lichen.

Die Übung schafft die Neigung, unter gleichen Umständengleich zu handeln; diese Neigung wächst mit jeder Wiederholungund hat schließlich einen mit keiner Überwindung oder Anstrengungmehr verbundenen Automatismns zur Folge.

IV. Die Übung bewirkt, sofern sie durch viele Geschlechterfortgesetzt wird, eine erbliche moralische Veranlagung und An-passung an die sozialen Bedürfnisse unter gleichzeitiger Verkümme-rung der gesellschaftsschädlichen Triebe; sie wird dadurch zur Be-dingung der sittlichen Entwicklung.

2. Die Erziehung.

I. Schon nach Sokrates ist die Tugend lehrbar. Nach Aristo-teles ist der Keim, die Anlage zur Tugend in jedem vorhanden,sie müsse aber wie jede andere menschliche, leibliche oder geistigeFähigkeit durch Übung gekräftigt werden; sie bestehe in der Ent-wicklung der Vernunft, welche schließlich in der Tugend ein hohesGut, die Glückseligkeit erkenne, und in der Einwirkung auf denWillen; er unterscheidet den guten sittlichen Willen und dasrichtige Wissen.

II. Gute Erziehung aller ist das einzige, aber auch unfehl-bare Mittel zur Erzielung des persönlichen und allgemeinen Frie-dens. Wir sind größtentheils fremdes Werk; vieles Gute an unsverdanken wir den anderen, welche die Keime gepflegt haben; allesogenannten Laster der Unterdrückten, alle unangenehmen Eigen-schaften der Mindergepslegten, ihre Rauheit, Trunksucht, Aus-schweifung sind auf die erziehlichen Unterlassungssünden der Gesell-schaft zurückzuführen; unter denselben Verhältnissen aufgewachsen,haben wir dieselben Eigenschaften.