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Anspruch nehmen, an dem die Kinder keinen Mangel haben.Es werde auf diese Weise der kindliche Geist frühzeitig an festeKegeln gewöhnt, gelehriger gemacht und vor Zerstreuung be-wahrt. Zu Hülfe komme die grosse Neugierde der Kindergegenüber allem neuen, die wunderbare Leichtigkeit, eine Mengevon Dingen zu lernen, von denen sie sprechen hören, und dienatürliche Nachahmungssucht. Da die menschliche Natur nichtträge sein könne, nöthige man sie aus Mangel an Beschäftigung,diese ursprüngliche Anlage zum schlechten zu wenden anstattzum guten. Freilich, meint er, darf man die Kinder nicht an-strengen, sie müssen spielend lernen. Man erzählt ihnen ange-nehme Geschichten, richtet an sie Fragen, die sie beantwortenkönnen, erweckt in ihnen den Glauben, dass sie dieselben aussich selbst geschöpft haben, man lobt sie zuweilen, aber mitMass. Kurz, die Hauptkunst ist, zu vermeiden, dass die Kinder,die das Lernen noch nicht liehen können, keine Abneigung da-gegen fassen durch die Bitterkeit, die sie in den ersten Jahrendabei empfinden. Das Lesen muss für sie ein Spiel und einA^ergnügen sein. Anstatt ihnen gleich ein Buch zu bieten,zeigt man ihnen nur einige einzelne Buchstaben, die sie be-nennen und zusammenstellen lernen. Man kann diese Buch-staben auf verschiedene Kärtchen schreiben und sie diese auteinen Tisch werfen lassen mit Benennung jedes einzelnen, dersich darbietet, man kann auch, wie Quintilian empfiehlt, dieaus Elfenbein oder einer anderen Masse gefertigten Buchstabenden Kindern in die Hand geben. (S. 53 ff. sind noch mehrereMethoden angeführt, die damals in Frankreich in Gebrauch waren.)Dem Kinde, das anfangt zu lesen, muss man alle Worte erklären,die ihm neu sind und möglichst solche wählen, die ihm ver-traut sind. Zn empfehlen ist das damals in Paris üblicheLesen der ganzen Classe im Chor oder in correspondirendenAbtheilnngen. — Mit Quintilian fordert Rollin für das Erlernender Schrift, dass die abzuschreibenden Forschriften nicht zu-sammenhangslose Worte enthalten sondern Beispiele mit irgendeinem nützlichen Grundsatz, denn in der Erziehung müsse manaus allem Vortheil ziehen.
Die Erziehung im engeren Sinne beruht hauptsächlich aufden Müttern, besonders auf dem Lande, wo die Väter meistausser dem Hause beschäftigt sind. Daher ist es eine unerläss-liche Verpflichtung der Landedelherren, in ihren Dörfern Mädchen-schulen zu errichten, und die Geistlichen sollten hierauf hin-wirken, denn wenn diese Mädchen das Glück eines guten Unter-richtes genossen haben, werden sie ihren Kindern denselben