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conjugiren zu können. Das Erlernen der Syntax ist natürlichnoch viel weniger ein systematisch geordnetes als im lateinischenUnterricht, es beschränkt sich auf gelegentliche allgemeine Be-merkungen. Trotzdem plagt man schon während oder gleichnach dem ersten Jahre (das Griechische wird angefangen in VI)die Schüler mit dem theme grec. Statt nun die schriftlichenUebungen zur Befestigung der Formenlehre und Syntax zu ver-wenden, ist das griechische theme, wie das lateinische, Selbst-zweck, ein selbständiges, dem übrigen classischen Unterrichtcoordinirtes Fach. Auch hier giebt man von Anfang an schwerezusammenhangslose Stücke als Uebersetzungsstoff, den die Schülermit Hülfe der Grammatik und des Lexikons mechanisch Wortfür Wort in ein Griechisch übertragen, das voll von Gallicismenist. Die Vertheilung der Lectüre für die einzelnen Classen isteine ganz irrationelle, dem Standpunkte der Schüler durchausnicht angemessene: Schon im ersten Jahre (in VI) lässt manAesopische Fabeln lesen, in V Aelian, Lucian und die Cyro-pädie, in IV Plutarch und Herodot, in III Isocrates und eineAuswahl von Beden der griechischen Kirchenväter, in II diePhilippischen Reden des Demosthenes, ausgewählte Abschnittedes Plato, besonders Crito und die Apologie.
Dagegen hatte Rollin für die beiden ersten Jahre täglichmindestens 1 ' 2 Stunde griechischen Unterrichts verlangt, schrift-liche Uebungen nur von Zeit zu Zeit, um die Grammatik ein-zuprägen. Sein Canon für die Lectüre war ein ganz anderer:In VI und V sollte man nur Flexionslehre vornehmen undnebenbei sehr langsam und mit steter Durchnahme der Formendas Evangelium Lucä lesen, in IV die Apostelgeschichte, in IIIeinige Dialoge aus Lucian, ausgewählte Stellen aus Herodot,Isocrates und der Cyropädie, in II einige Bücher Homer undVitae des Plutarch. Für die Classe Rhetorique forderte er inUebereinstimmung mit der jetzt noch geltenden Praxis: De-mosthenes und ausgewählte Abschnitte aus den anderen alt-elassisehen Rednern, Homer, Pindar, die Historiker und Tragiker,für die Classe Philosophie, ebenfalls im Einklang mit den heutigenBestimmungen: Plato und Aristoteles. Neben dieser starkenVerschiedenheit in der Vertheilung der Lectüre ist ganz be-sonders auffallend die Abweichung von Rollin’s Grundsätzenhinsichtlich der Behandlung derselben. Für ihn war dasUebersetzen und Erklären, das Eindringen in den Geist derAutoren auch hier die Hauptsache. Nach seiner Ansicht sollteder Lehrer in den ersten Jahren den Text übersetzen und er-klären, die Schüler nur repetiren, erst später könne man Prä-