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paration fordern. Für Rhetorique verlangte er eine geregeltePrivatlectüre, durch welche die Schüler zu dem eigentlichenZiel des Unterrichtes geleitet werden sollten, zu wissenschaft-licher Lectüre, zu selbständigem Studium. — Dagegen ist dasjetzt herrschende Streben darauf gerichtet, wie im lateinischenUnterrichte, die Schüler zu einer möglichst eleganten Ueber-setzung schwieriger Stellen geschickt zu machen. Das Verfahrenist ähnlich dem für den lateinischen Unterricht beliebten. Auchhier ist die Erklärung Nebensache, man giebt höchstens so vielals unbedingt nöthig ist zum Verständniss der auswendig zulernenden Abschnitte. So ist es denn, da man mehrere Seitenaus Homer oder Plato oder Demosthenes in einer halben Stundeabmacht, mit der in dem officiellen Programm gefordertenKenntnisse der Autoren schlecht bestellt. Die folgende von Hahnselbst erlebte Anekdote charakterisirt so recht die heutige Routine.„Als ich mich, sagt er (S. 409), einem Schüler der Rhetoriquegegenüber verwunderte, dass sie im Phädo so rasch vorwärtskämen, da doch die Stellen über die Unsterblichkeit der Seeleviele Schwierigkeiten darböten, antwortete er seelenvergnügt r„die Dummheiten lassen wir weg“ (ces betises — lä, nous lespassons). — Rollin dagegen hielt es, wie wir gesehen, für nöthig,auf 60 Seiten den jungen Lehrern Winke zu geben über einenach formellen, materiellen und ethischen Gesichtspunkten zubetreibende Homer-Lectüre.
Also auch auf diesem Gebiete hat sich der Abfall vonRollin’s Principien schwer gerächt, ja er hat zu einem offen-baren Rückschritt geführt. Noch heute würde mit der directenBefolgung seiner Methode ein bedeutender Fortschritt im Studiumdes Griechischen wahrzunehmen sein.
4. Der Unterricht in der Classe Rhetorique.
„Der Cursus der Rhetorique vollendet die Folge der classi-schen Lectüre, indem er die Arbeit der eigenen Compositionhinzufügt, als Probe dessen was die Zöglinge in der Periodevon der Kindheit bis zum Jünglingsalter an Kenntnissen undIdeen gesammelt haben. In diesem Cursus verbindet man mittüchtigen Studien des Alterthums und fortwährender Betrach-tung der reinsten Muster des französischen Geistes ein genauesStudium der Geschichte Frankreichs.“*) Aus diesen Worten
*) Ueber die Behandlung der französischen Literatur und Ge-schichte in dieser Classe zu sprechen, ist hier nicht der Ort, daRollin sie nicht in sein Programm aufgenommen hat.