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eines Villemainschen Berichtes*) ergiebt sich, welche grosseBedeutung man noch heute in Frankreich dem Unterrichtedieser Classe heimisst. Und es lässt sich in der That nichtleugnen, dass der für die Einrichtung derselben massgebendeGrundgedanke ein richtiger ist: auf dieser obersten humanisti-schen Stufe die Schüler dazu anzuleiten, über die bis dahin inmühsamer Arbeit erworbenen sprachlichen Kenntnisse freier zuverfügen, die zerstreuten Gedankenelemente durch logische Zu-sammenfassung zu grösseren Ganzen zu vereinigen, von ihrerformalen Ausbildung und ihrem Gedankenvorrath durch schrift-liche Arbeiten Zeugniss abzulegen. Allein zur Erreichung dieseshohen Zieles müssten die Grundlagen für diese Krönung desGebäudes anders beschaffen sein, als sie in Frankreich seit langerZeit sind. Es lässt sich nicht erwarten, dass Schüler, die inden vorhergehenden Classen zu einer oberflächlichen, mechani-schen Betreibung der Lectüre angehalten worden, nun Interessefassen sollten für eine wissenschaftliche, gründliche Behandlungder Classiker, für einen theoretischen Cursus der classischenLiteratur, dass sie, an einen systematischen grammatischen Unter-richt nicht gewöhnt, einer streng logischen Betrachtung dersprachlichen Erscheinungen Aufmerksamkeit schenken sollten.Die herrschende Routine hat sie dazu gebracht, alles was nichtdirecten Vortheil verspricht, was nicht in irgend welchem Zu-sammenhänge mit den Preisaufgaben steht, für unnütze Pedan-terie zu halten. Zwar sind in dem officiellen Programme einCours de Rhetorique und ein Cours d’Histoire de la Literatureerwähnt, in der Praxis aber kennt man sie nicht, man ist allemtheoretischen und systematischen Unterricht so abgeneigt, dassman mit Hintansetzung des eigentlichen Pensums in dieserClasse vorzugsweise nur einen Gegenstand betreibt, diesen frei-lich auch mit einer fieberhaften Betriebsamkeit. Es ist diesder discours, die französische und lateinische Rede. Die latei-nische und griechische Version, die Versification werden auchhier noch fortgesetzt, aber sie nehmen doch neben dem discourseine untergeordnete Stellung ein; wird ja doch der prix derhetorique, der erste aller Preise, dessen Erlangung das Zieldes höchsten Strebens ist, für die Leistung einer brillantenlateinischen oder französischen Rede ertheilt. So werden denndie Schüler darin mit der bekannten einseitigen Energie undRoutine geübt. Ohne irgend welche theoretische Auseinander-setzung über den Plan und den Bau einer Rede, über die Arten
*) Vergl. Hahn S. 409.