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Rollin als Pädagoge : ein Beitrag zur Geschichte der Pädagogik / von Gustav Völcker
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Endlich Deltour schreibt:*)Die Gründer der kaiserlichenUniversität haben als Regel und Typus den Unterricht derJesuiten genommen, sie haben die Methoden der alten Univer-sität von Paris entweder nicht gekannt oder wissentlich unter-drückt, welche von Rollin in seinem Traite des Etudes erneuertworden waren. Sie haben dieses ausgezeichnete Buch, welchesso sehr gerühmt aber so wenig gekannt ist, nicht beachtet;sie haben vollständig die Lehrweisen von Port-Royal missachtet.Nun, die Methode von Port-Royal, übereinstimmend mit demwas Rabelais und Montaigne verlangten, mit dem was, wie sie,alle grossen Geister, die ich genannt, gewollt haben, bestehtdarin, die Regel aus dem Studium der Autoren abzuleiten, vondem Bekannten zu dem Unbekannten überzugehen, das Denkenin den Vordergrund zu stellen und das Gedächtniss zurücktretenzu lassen. Diese analytische Methode ist in eminentem Maasefranzösisch, und ich habe das Recht zu sagen, dass die geschicktenPädagogen Deutschlands**) sie uns entlehnt haben. Indess wasthun wir in unseren Schulen seit nahezu 70 Jahren? Wirwenden für das Studium der alten Sprachen eine ganz ent-gegengesetzte Methode an, welche die abstrakte Idee aufbürdet,sie durch das Gedächtniss einprägt und keinen Raum lässt fürdie Initiative des Geistes, wir substituiren die Formel a prioridem entdeckten und durch die freie Beobachtung erkanntenGesetze.

Man muss gestehen, wahrheitsgemässere und zugleich be-redtere Zeugnisse über Rollins pädagogische Bedeutung konntenkaum gegeben werden. Um so auffallender aber ist der Gegen-satz der herrschenden starren Routine zu 'Seiner Pädagogik, umso schwerer ist es begreiflich, dass ein Mann wie Villemain,ein so hoch angesehener Gelehrter, der mehrfach Minister desöffentlichen Unterrichtes war, über seine theoretische Anerken-nung nicht hinaus zu kommen vermochte. Die Macht dermittelalterlichen Tradition, die Wucht des jesuitischen Lehr-systems, das Concursunwesen, die Napoleonische Centralisation

*) A. a. 0. S. 17.

**) Deltours Buch zeigt von Sachkenntnis und im ganzen rich-tigem, unparteiischem Urtheil, die hier geäusserte Ansicht aber isthistorisch durchaus falsch und verräth nationale Befangenheit. DerVerfasser scheint keine Vorstellung zu haben von dem in Deutsch-land durch die Reformation zum Durchbruch gekommenen Principder Individualität, des Selhstforschens, von der geistig verjüngendenMacht des Protestantismus, von der grossartigen pädagogischenThätigkeit der deutschen Reformatoren. Den Beweis für seine Be-hauptung hat er übrigens gar nicht angetreten.