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Expose über die Organisation des gewerblichen Unterrichtes.
Gewähr fiir deren Richtigkeit liegt wohl darin, dass Ton den Franzosen durch jenesMittel dieses Ziel in der Tliat aufs Vollständigste erreicht worden ist.
Was aber ferner an den Monge’schen Ausführungen auffällt, das ist diewiederholte Betonung der Genauigkeit der gewerblichen Production, welche in demFrankreich der neunziger Jahre auf dem Wege der Erziehung angestrebt werdenmüsse. Bekanntlich ist es gerade der Mangel an Präcision und Pünctlichkeit, welcheHeute den österreichischen gewerblichen Erzeugnissen im Gegensätze zu den fran-zösischen vielfach nachgesagt wird. Aber nicht immer scheint die Präeision diestarke Seite der französischen gewerblichen Arbeiten gewesen zu sein und auchdem französischen Gewerbsmanne musste sie erst anerzogen werden. Wenn diessdort auf dem Wege des Unterrichts in der Weise gelungen ist, dass schon seiteiner langen Reihe von Jahrzehnten französische Genauigkeit und Pünctlichkeit denGewerbetreibenden der anderen continentalen Länder als Muster vorgeführt werdenkann, warum sollte nicht auch in Österreich auf denselben Wegen des Unterrichtsein gleicher Erfolg sich erzielen lassen?
Freilich bedarf es hiezu der Continuität in der Entwicklung, und in Frank-reich sind die breiten, unter dem Directorium gelegten Grundlagen in der Folgesorgsam ausgebaut worden, und alle späteren Regierungen, insbesondere LudwigPhilipp und Napoleon III., haben die Interessen materieller Cultur gefördert.
Die ernste Würdigung solcher Thatsachen erscheint für Österreich insbesonderedesshalh geboten, weil es auf seinem eigenen Markte Gefahr läuft, seine junge,aufstrebende Kunstindustrie von der übermächtigen französischen Rivalin imKeime erstickt zu sehen.
In der Gegenwart besitzt Frankreich für alle gewerblichen Fächer die treff-lichsten Specialschulen, hohe Summen werden alljährlich aus dem Staatsschätzefür gewerbliche und künstlerische Bildungszwecke verausgabt, und namentlich dergewerbliche Zeichenunterricht erfreut sich der liebevollsten und besten Pflege anüberaus zahlreichen Staats-, Communal- und Corporationsschulen, so dass eineMenge intelligenter, artistisch gebildeter Arbeitskräfte von diesen, mit grossherzigerMunificenz dotirten Anstalten alljährlich den französischen Werkstätten zugeführt•wird *). Die Ergebnisse einer solchen Erziehungsarbeit traten in voller Klarheithervor, als im Jahre 1851 auf der Londoner Industrieausstellung zum ersten Maledie Leistungen der Culturvölker durch den unmittelbaren Augenschein mit einanderverglichen werden konnten.
Kein Land vermochte auf kunstgewerblichem Gebiete sieh auch nur im Ent-ferntesten mit dem modebeherrschenden Frankreich zu messen — eine Erscheinungvon überraschender Wirkung, überraschend insbesondere für England, dessen impo-sante Production in allen auf Maschinenbetrieb gegründeten Industrien zu Selbst-täuschungen verleitet hatte.
*) Eine Statistik des französichen Gewerbebildungswesens hat in diesem Auszug keine Aufnahmegefunden, da die betreffenden Daten zugänglicher und den Fachkreisen bekannter sind; wogegen diean späterer Stelle über englische Verhältnisse gegebenen Mittheilungen desshalh am Platze seindürften, weil die bezüglichen Thatsachen in Österreich und überhaupt auf dem Continente bisherwenig gewürdigt wurden.