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Expose über die Organisation des gewerblichen Unterrichtes.
Angenommen also, dass das Bediirfniss nach einer mehr allgemeine Bildungs-zwecke verfolgenden Art von Gewerbeschulen in Österreich im Hinblick auf dieExistenz zahlreicher Realschulen ein minder dringendes sei, erübrigt noch immerdie Thatsache, dass Deutschland in seinen mittlerer industriellerAusbildung dienenden Gewerbeschulen etwa fünfzehnfach grössereMittel zur geistigen Hebung seines Ge werb e s tand es aufwendetals Österreich.
Wird aber ausser der Kleinheit der Zahl der erst in der jüngsten Epocheder österreichischen Unterrichtsverwaltung errichteten Schulen noch der Umstandin Anschlag gebracht, dass es erfahrungsgemäss längerer Zeit bedarf, bis eineneugegründete Gattung von Schulen sich einlebt und volle Wirksamkeit entfaltet,dass dagegen in Deutschland nicht nur eine solche Anfangsperiode längst über-wunden, sondern sogar auch an der wichtigsten Schulgattung, an den Werkmeister-schulen, die Frequenz in den letzten sechs Jahren, trotz einer bis zu 60 fl. proHalbjahr reichenden Höhe des Schulgeldes, um mehr als 100 Procent gewachsenist, — wird diess alles in Anschlag gebracht, so erscheint es nur allzu gewiss,dass gegenwärtig jene bedenkliche Verhältnisszahl thatsäclilich eine viel höhere alsfünfzehn sein muss.
Bei so klarer Sachlage darf wohl nicht mehr in Zweifel gezogen werden,dass eine consequent, thatkräftig und opferwillig fortschreitende Organisationsarbeitauf dem in Rede stehenden Gebiet für Österreich heute eine jener Nothwendig-keiten ist, deren allzu saumselige Anerkennung mit jedem weiteren, unbenützt verstrei-chenden Jahre die unwk'derbringlichen Verluste höher und höher steigert, so dassspäter mit zwanzigfach grösseren Mitteln und zwanzigfach schwereren Opfern die einstunterschätzten Folgen der Versäumnisse nicht inehr ausgeglichen werden können.
Denn das jetzt schon mit solcher Überlegenheit der Mittel arbeitende Ausland,das durch eine mächtige Steigerung der Steuerkraft des Wertes gewerblicher Unter-richtsinstitutionen sich mehr als je bewusst geworden, bleibt ja nicht selbstgenügsamim heutigen Entwicklungsstadium stehen. An 4 preussischen Provincialgewerbeschulenist eine Erweiterung in Angriff genommen worden, welche innerhalb zweier Jahredie Vergrösserung des Lehrpersonales dieser Anstalten um nahezu das dreifachebedingt. Es sind diess die Schulen zu Potsdam, Frankfurt a, 0., Liegnitz undBochum. Ausserdem sind zu Ostern des Jahres 1875 zwei neue, grössere Anstaltenin Norddeutschland eröffnet worden: zu Lübeck und zu Langensalza; demnächstsoll in Müncheberg in der Mark Brandenburg eine neue Baugewerk- und Werk-meisterschule in’s Leben treten. Baiern hat vor Jahresfrist einer seiner achtköniglichen Kreisgewerbeschulen, der Kaiserslauterner, eine höhere Industrieschulenach Art der zu Nürnberg, München und Augsburg bereits bestehenden Anstaltenangefügt, während Sachsen die Wirksamkeit seiner weltberühmten drei ChemnitzerSchulen durch grossartige Bauführungen erweitert und für seine industriellenUnterrichtsinstitute die auserlesensten Lehrkräfte — auch aus Österreich — zugewinnen sucht. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen ist es den Communenfinanziell schwierig geworden, ihre Gewerbeschulen an Güte der Lehrmittel undIjehrkräfte auf der Höhe der Staatsanstalten zu erhalten.