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Expose über die Organisation des gewerblichen Unterrichtes.
diess hat sich in der neueren Entwicklung der deutschen Industrie in erstaunlichemMasse gezeigt. Denn nicht zum geringen Theile ist es den Leistungen dieser Schulen,welche Tausende von fachlich gebildeten Hilfsarbeitern den leitenden, wissenschaft-lichen Technikern an die Seite stellen, zuzusehreiben, wenn Deutschland in einzelnenZweigen des Maschinenwesens , wie beispielsweise in der Locomotivenfabrikation,an Güte und Ausdehnung der Production selbst England überflügelt hat, und diegrosse Aufmerksamkeit, welche an so vielen deutschen Lehranstalten dem Unter-richte der Chemie gewidmet wird, hat die chemische Industrie Deutschlands zueiner Höhe erhoben, auf welcher sie derzeit die französische und englische überragt.
Vor Allem in Sachsen haben die chemischen Gewerbe einen wunderbarenAufschwung genommen und die Einflüsse, welche von der Chemnitzer Werkmeister -und höheren Gewerbeschule auf diese Entwicklung geübt worden sind , erscheinenunverkennbar. Die genannten Anstalten gemessen aber auch von Seite der königlichsächsischen Regierung einer überaus munifieenten Pflege und speciell für denchemisch - technischen Unterricht ist zu Chemnitz ein Laboratorium hergestelltworden, wie es in Österreich selbst technische Hochschulen und Universitäten kaumbesitzen.
Diese Verhältnisse sind in den Industriebezirken Böhmens wohlbekannt undwerden auch thatsächlich gewürdigt, indem von dort aus die Söhne österreichischerIndustrieller an die gewerblichen und commerciellen Bildungsanstalten der benach-barten Staaten, Sachsen und Preussen , gesendet werden, eine Thatsache, die denFrequentationsausweisen von Chemnitzer, Zittauer, Leipziger, Görlitzer u. s. w.Schulen Jahr für Jahr zu entnehmen ist. Ohne solches Correctiv hätten bei demMangel an inländischen Specialschulen die einheimischen Gewerbe- und Handel-treibenden der Concurrenz fremder Kräfte ja gänzlich erliegen müssen.
Die Bevölkerung jener nördlichen Industriegebiete Österreichs wünscht abernichts sehnlicher, als aus dieser ihrer geistigen Abhängigkeit vom Auslande heraus-zukommen , und sie muss diess um so mehr wünschen, als der Besuch fremd-ländischer Unterrichtsanstalten doch nur relativ Wenigen, Bemittelteren, möglich ist,und als eine noch so nahe Nachbarschaft sächsischer und preussischer gewerblicherBildungscentren aus den mannigfachsten Gründen nie ein Ersatz sein kann für denAbgang einer inmitten des heimischen Gewerbewesens aufgerichteten Stätte gewerb-licher Bildung.
So sind denn auch dem Unterrichtsministerium die localen Interessenten zuPrag und Reichenberg, welche das Gewerbeschulwesen des angrenzenden nörd-lichen Deutschlands kennen, nach seinerseits erfolgter Einleitung von Verhandlungenunvergleichlich opferwilliger entgegengekommen, als diess bisher irgend sonstwoder Fall war, und schon dieser Umstand empfiehlt eine besondere Berücksichtigungder Bedürfnisse des dortigen Gewerbestandes. Desslvalb hat die Unterriclitsverwaltuuggeglaubt, in Böhmen neben der Errichtung von Werkmeisterschulen die Gründungeiner höheren Gewerbeschule nicht wie im Westen und Süden der Entwicklungeiner ferneren Zukunft anheimgeben zu dürfen. Auch musste das baldigste Insleben-treten einer solchen Anstalt zu Reiclienberg für um so wtinschenswerther erachtetwerden, als gerade jene Classe von nordböhmischen Gewerbetreibenden , welche'