Buch 
Auszug aus einem Exposé über die Organisation des gewerblichen Unterrichts in Österreich
Entstehung
Seite
33
JPEG-Download
 

33

Expose über die Organisation des gewerblichen Unterrichtes.

Ausgestaltung der bereits activirten k. k. Gewerbeschulen, sowie die vonSr. Majestät mit Allerh. Entscbliessung vom 18. Mai 1875 genehmigte Umwandlungdes Krakauer technischen Instituts in eine Gewerbeschule zum Abschlüsse gebrachtwerden soll, so bedarf es dringend der vorausgehenden Lösung der wichtigstenvon allen im Schulwesen zu beachtenden Fragen, der Lösung der Frage nachder Art der Gewinnung tüchtiger leitender und lehrender Kräfte.

Diese Lehrkräfte erst hauchen der Organisation Leben ein und bestimmenden Werth der neuen Schöpfung und es wäre ein verhängnisvoller Missgriff, wennhier nur die Form der bewährten Schulen des Auslandes copirt, diese Form abernicht mit demselben geistigen Inhalte erfüllt würde, der sie anderwärts erblühenund fruchtbar werden lässt.

An wirklich leistungsfähigen, d. h. wissenschaftlich, respective künstlerisch,und zugleich auch praetiseh tüchtigen Lehrkräften für den industriellen Unterrichtherrscht grosser Mangel. Die Ursache desselben muss auf wirthsehaftlichem Gebietegesucht werden ; sie liegt in zwar internationalen, in Österreich aber noch stärkerals im Westen Europas fühlbaren Verhältnissen, deren zwingendem Gesetze derStaat ebenso unterworfen ist, wie jeder Privatunternehmer, wenn er als Werberauf dem Markte gewerblicher Intelligenzen auftritt. Die Nachfrage auf diesem Markteübersteigt heute fast allerwärts das Angebot. Wiewohl man vielleicht vermuthensollte, dass in Folge der gegenwärtig in vielen Zweigen der österreichischenIndustrie herrschenden Geschäftsstockung so manche technisch gebildete Kräftefrei geworden sein müssten, ist bisher keinerlei Geneigtheit der Practiker zurÜbernahme von knapp dotirten Lehrposten hervorgetreten, so dass selbst dann,wenn auf jede Gewähr pädagogischer Schulung der zu Lehrern zu ernennendenFachleute verzichtet wird, eine befriedigende Besetzung von Lehrstellen derArchitectur, des Maschinenbaues und der technischen Chemie nur in Ausnahmsfällenmöglich erscheint.

Es muss sonach angenommen werden, dass die wirklich tüchtigen, über dasgewöhnliche Mittelmass hervorragenden Kräfte und nur solche erscheinen alsLehrer der nachwachsenden, gewerbetreibenden Generation an ihrem Platzeauch heute nicht zahlreich genug vorhanden sind, als dass sie bei verminderterAusdehnung der industriellen Production für einen anderen Berufszweig unterbescheideneren finanziellen Bedingungen verfügbar würden.

In dem Masse aber, als die momentane ökonomische Lage sieh wiedergünstiger gestaltet, als die Industrie sich von den Folgen der wirthscliaftlichenKrise erholt, und als gewerbliche Betriebsamkeit und Bauthätigkeit ihre regel-mässige Entwicklung wieder aufnehmen, in eben dem Masse müssen sieh dieheute bereits schwer zu überwindenden Schwierigkeiten für die Verwaltung desGewerbeschulwesens vermehren und steigern.

Vielfache Erfahrungen haben zu der Überzeugung geführt, dass insbesondereauf dem Wege von Concursausschreibungen die Erzielung eines Erfolges nichterwartet werden kann, ja dass die wiederholte Publication der niederen Gehalts-ziffern auf die technischen Kreise geradezu eine abschreckende Wirkung übt, sodass selbst die Anknüpfung von Verhandlungen, welche die Gewährung ausnalims-

3