Expose über die Organisation des gewerblichen Unterrichtes.
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Fachmänner Wiens znm Übertritte in dortige Staatsdienste zu veranlassen, und esist bekannt, dass dieser Abgesandte in der That sowohl verschiedenen Lehrkräftender Kunstgewerbeschule des k. k. österr. Museums, als auch practischen Architectendie glänzendsten Anbote gemacht hat. Ferner verdient es Erwähnung, dass demDirector einer österreichischen Gewerbeschule, einem hochbegabten Architecten,vor einigen Monaten ein Ruf an eine norddeutsche Industrieschule zu Theil undhiebei ein Gehaltsanbot gemacht worden ist, welches zu den bisher in Österreichgewohnten Massstäben ausser allem Verhältnisse steht. Um zu characterisiren, wiesehr ausser in den go u vern em entalen auch in den industriellen Kreisendes Auslandes das Verständniss für die in Rede stehenden Angelegenheiten bereitserwacht ist, mag als Beispiel angeführt werden, dass in dem letzterwähnten Falle —um der werbenden Regierung die Gewinnung jenes Künstlers zu erleichtern —demselben von vier der ersten Verlagsfirmen einer deutschen Handelsstadtein bedeutendes fixes Jahreshonorar garantirt wurde, unter der Bedingung, dasser seine Bereitwilligkeit zur Composition von Titelvignetten für Druckwerkezusichere.
Wenn solche in letzter Zeit hervorgetretene Strebungen fremder Staaten bisherden Verlust einheimischer Capacitäten, Dank einem glücklichen Zusammentreffenvon Zufall und Patriotismus, noch nicht herbeigeführt haben, so glaubt dieUnterrichtsverwaltung diess nicht als Anlass zur Sorglosigkeit, sondern vielmehr alsrechtzeitige Warnung hinnehmen zu sollen. In dieser Auffassung bestärkt dieselbe dieBetrachtung, dass ein Theil der Ursachen, welche die KunstindustrieDeutschlands bisher in der Entwicklung gehemmt und der öster-reichischen den Vortritt gelassen haben, vielleicht binnen kurz erZeit hinwegfallen wird.
Bisher nämlich haben die Massregeln zur Hebung der Kunstgewerbe sichdort noch zersplittert; was in Nürnberg und München, in Stuttgart, Dresden undam Rhein vereinzelt erstrebt wurde, vermochte nicht tonangebend zu werden fürdie deutsche Industrie, so lange auf dem wichtigsten Verkehrs- und Culturplatze, inder volkreichsten Stadt Deutschlands, in Berlin, dieser gewerbliche Zweig einerentsprechenden Pflege entbehrte. Sobald aber von diesem Centrum aus einUmschwung eingeleitet wird, ist eine Änderung der Constellation zu erwarten,welche die Förderer der österreichischen Kunstindustrie nicht gleiehgiltig betrachtendürfen.
Eine solche Eventualität ist nach der einmüthigen Überzeugung aller Kennerder Verhältnisse heute nicht mehr in so weiter Ferne, dass sie nicht bereits in denGesichtskreis einer vorausblickenden österreichischen Culturpolitik fallen sollte. EineÄnderung der auf dem künstlerischen und kunstgewerblichen Gebiet massgebendenVerwaltungsprincipien kann um so plötzlicher eintreten, je mehr schon jetzt in denverschiedensten Kreisen der Gesellschaft ein doctrinärer Classicismus missbilligtwird, der bisher eine gedeihliche Entwicklung des kunstgewerblichen Bildungs-wesens nicht aufkommen liess.