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Auszug aus einem Exposé über die Organisation des gewerblichen Unterrichts in Österreich
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Expose über die Organisation des gewerblichen Unterrichtes.

in den Ateliers und auf den Bauplätzen Wiens sieli finden, unter annehmbarenBedingungen Lehrämter zu übertragen und ihnen dadurch Gelegenheit zu bieten,sich von der gewöhnlichen Baupraxis weg- und der Bearbeitung des grossen Feldesdes Handwerkes und der Kleinkunst zuzuwenden, so könnte der jetzt fast nur aufdie Hauptstadt beschränkte Aufschwung jener Gewerbe nach und nach in allenGebieten der Monarchie von Provinzialgewerbeschulen aus angebahnt, der sonothwendige einheitliche Styl den österreichischen Gewerbeerzeugnissen gegebenund die Wiener Geschmackreform an den anderen wichtigen Puncten des Reichesdurchgeflihrt werden. Wenn einst in den Kronländern an einer grösseren Zahlmittlerer Gewerbeschulen solche Lehrer wirken, dann erst werden die schöpferischenBemühungen der Wiener Architeetenscliule und des k. k. österr. Museums auchfür die Industrie der Gesammtmonarchie ihre vollen Früchte tragen, dann wirdaber auch die österreichische Industrie, mit einem allen ihren Producten gemein-samen characteristischen Typus und in kräftiger Geschlossenheit auftretend, ihrespecifische Stellung auf dem Weltmärkte erringen, eine Stellung, aus welcher späternachstrebende Länder sie nicht mehr verdrängen können.

Doch muss ungesäumt und mit ganzen Massr egeln die Action begonnenwerden, wenn solch schönes Bild der Zukunft nicht als täuschende Luftspiegelungzerfliessen soll. Heute noch wird Österreich in einer derartigen Action dadurchbegünstigt, dass seine kunstgewerbliche Production der Qualität nach Dankden jahrelangen, einsichtsvollen Strebungen einiger Wiener Fachkreiseinsbesondere vor Deutschland einen Vorsprung hat; aber schon tretenAnzeichen auf und mehren sich von Jahr zu Jahr, dass das Ausland wetteifernddie hier erfolgreich, aber bisher in beschränktem Umfange, angewandten Mittelgleichfalls, aber umfassender, zu ergreifen und Österreich ferner das von ihm kaumoccupirte Feld nicht mehr zu überlassen gedenkt.

Als das Drohendste unter diesen Anzeichen erscheint, dass man hiebei imAuslande nicht wie diess seinerzeit hier geschehen musste den weiten Weglangsamer Entwicklung von Innen heraus einschlagen wird, sondern dass man dortentschlossen ist, die wenigen reifen Früchte der bisherigen Bemühungen Österreichssich zu Nutze zu machen, indem man nicht nur diejenigen Talente, welchen dieösterreichische Heimat einen pädagogischen Wirkungskreis zu bieten unterlassenhat, an sich zu ziehen, sondern auch hier im Amte befindliche Fachmänner durchGewährung verlockender materieller Stellungen zum Übertritte zu bewegen sucht,woraus den Rivalen der doppelte Vortheil des Gewinnes neuer, tüchtiger Elementeund der gleichzeitigen Schwächung der kunstgewerblichen Arbeitskraft Österreichserwüchse.

In einem der mitgetheilten Gutachten ist auf solche energische BestrebungenSeitens Deutschlands und der Schweiz hingewiesen und ausser anderen Begünstigungenbei dieser Gelegenheit einer Gehaltsziffer erwähnt, wie sie für Gewerbeschullehr-ämter bisher nur im Auslande angetroffen wird. Dem wäre liinzuzufiigen, dassim Sommer 1874 von der Regierung eines deutschen Königreiches ein Vertrauens-mann zum Belmfe der Gewinnung kunstgewerblicher Lehrkräfte mit dem unbegrenztenMandat entsendet wurde, unter jedweden finanziellen Bedingungen ausgezeichnete