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Exposä über die Organisation des gewerblichen Unterrichtes.
der hohe Stand des Schulwesens im Allgemeinen und namentlich die Sicherheitwerden, mit welcher die pädagogischen Kreise Deutschlands ihre Methode beherrschen.Insbesondere für den Unterricht des Handwerkerstandes hat sich an den zahlreichendeutschen Gewerbeschulen in vierzigjähriger Entwicklung eine vortreffliche Methodeausgebildet, welche auch einer kunstgewerblichen Reform auf dem Wege derSchule raschere Erfolge ermöglichen würde, als solche sich in anderen Ländernerzielen lassen.
Obige Erwägungen gestatten wohl umso weniger eine einseitige Überschätzungder Concurrenzkraft, welche der österreichischen Bevölkerung in ihrer natürlichenBegabung verliehen ist, als die letzten zwanzig Jahre der Welt ein Beispiel vorAugen geführt haben, wie sich dureh einsichtsvolle Massnahmen mit einemanscheinend spröden Volksmateriale, auf kunstindustriellem Felde die erstaunlichstenErgebnisse erzielen lassen. Der englischen Bevölkerung wurde alle und jedeartistische Befähigung einst von ganz Europa weit entschiedener abgesprochen, alsheute der norddeutschen. Und durch grossartige Unterrichtseinrichtungen einerseitswie durch Berufung tüchtiger ausländischer Kräfte anderseits hat England in zweiDecennien eine Kunstindustrie in’s Leben gerufen, welche vielleicht in abermalszwei Decennien die erste des Occidents sein mag.
Solche Erfolge sind dort möglich geworden durch Thatkraft und durchCapitalskraft. Durch organisatorische Thatkraft, mit der man Bildung,Geschicklichkeit und Geschmack der Einheimischen mittelst geeigneter Uuterriclits-institutionen entwickelte, und durch überlegene Capitalskraft, mit der mansich fremdes Talent dienstbar machte.
Was das erstere Moment anbelangt, so wird es wohl auch im deutschenNorden wirksam werden, sobald nur einmal der Wille gefasst ist, den kunst-gewerblichen Unterricht zu organisiren , und was die Benützung gut bezahlterfremder Kraft betrifft, wird Deutschlands Lage günstiger sein, als d i e Englandswar. Denn Deutschland kann aus einem gleichsprachigen Gebiete, ausÖsterreich, Kräfte an sich ziehen, die nieht nur im Atelier , sondern auchan der Schule sofort zu verwenden sind , und wenn es solchen Kräften vortheil-hafte materielle Stellungen bietet und sie dadurch in grösserer Zahl gewinnt, kannes bald ein reiches Mass dessen ärnten, was Österreich gesäet hat.
Nun überragen aber heute schon die Gehalte der Gewerbeschullehrer inDeutschland die österreichischen so bedeutend, nun finden sich heute schon dieguten Kräfte des Inlandes nicht geneigt, die schlechtdotirten Gewerbeschullehrämterzu übernehmen, nun beginnen heute schon Deutschland und die Schweiz um unsereTalente zu werben. Tritt hiezu noch in Norddeutschland ein Umschwung, so sindfür Österreichs Unterrichtsverwaltung die schwersten Nachtheile und Verlegenheitenunabwendbar, wenn unser Gewerbeschulwesen bis dahin noch in dem jetzigenunfertigen Zustande sich befindet.
Es muss also ohne Zögern diesem Gewerbeschulwesen ermöglicht werden,aus solchem unfertigen Zustande heranszukommen. Eine fruchtbare und rascheorganisatorische Wirksamkeit kann aber unter den gegebenen materiellen Bedingungennicht entfaltet, es kann namentlich gar nicht daran gedacht werden, die besten ein-