Geschichtlicher Theil
Der neubelebende Geist, welcher durch die Reformation in dasgesammte Erziehungs- und Unterrichtswesen gedrungen war, der nurin einer planmäßigen Jugendbildung die unentbehrliche Grundlage derWiedergeburt des Volkes erkannte, war durch die Ungunst der Ver-hältnisse allmählich erschlafft und zu mehr oder weniger todten Formenerstarrt. Der Unterricht wurde nicht auf Anschauung basiert, sondernbeschränkte sich auf die Aneignung des trockenen Inhaltes einseitigabgefasster Lesebücher; er schrumpfte zusammen zu einer ganz leblosenWortgelchrsamkeit. In den höheren Lehranstalten hatten die classischenSprachen und unter diesen besonders Latein und ein orthodoxer Religions-unterricht alle übrigen Lehr- und Übungsfächer verdrängt. Selbst dieMuttersprache wurde als etwas, die Erlernung und den Gebrauch derlateinischen Sprache Störendes aufs unbarmherzigste aus der Schuleverpönt. Die Kenntnisse der Natur, welche man zu verwerten für nöthighielt, wurden nicht dem großen Buche der Natur, welches für alle offenliegt, entnommen, sondern den Schriften älterer Gelehrter, welche selbstihre naturwissenschaftlichen Kenntnisse meist aus dritter oder vierterHand erhalten hatten. Dadurch wurde aller Irrthum beibehalten undein Fortschritt in den Naturwissenschaften ganz unmöglich gemacht. Wiemit diesem Studium, ebenso stand es mit dem der Geographie undGeschichte, während die Arithmetik in solcher Weise toleriert wurde,dass man ihr in den höchsten Classen gnädigst einige Stunden zuwandte.In der Volksschule, wenn man in jener Zeit von einer solchen sprechendarf, herrschten ebensolche Zustünde. Die Küster, die auf dem Landenebenbei Lehrerdienste versahen, wurden verpflichtet, die Kinder zusammenzu rufen, ihnen langsam die 10 Gebote, das Vaterunser, den kleinenKatechismus vorzulesen und selbst an solchen Orten, wo nach bestehendenVerordnungen wenigstens 4 Stunden täglich Unterricht gehalten werden