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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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59
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Aus dem Leben eines Taugenichts.

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war mit einem Sprunge hinter dem Wagen; der Kutscher knallte undwir flogen über die glänzende Straße fort, daß mir der Wind amHute pfiff.

Hinter mir gierigen nun Dorf, Gärten und Kirchtürme unter,vor mir neue Dörfer, Schlösser und Berge auf; unter mir Saaten,Büsche und Wiesen bunt vorüberfliegend, über mir unzählige Lerchenin der klaren, blauen Luft ich schämte mich, laut zu schreien, aberinnerlichst jauchzte ich und strampelte und tanzte auf dem Wagentrittherum, daß ich bald meine Geige verloren hätte, die ich unterm Armehielt. Wie aber dann die Sonne immer höher stieg, rings am Hori-zont schwere weiße Mittagswolken aufstiegen und alles in der Luftund auf der weiten Fläche so leer und schwül und still wurde überden leise wogenden Kornfeldern, da siel mir erst wieder mein Dorfein und mein Vater und unsere Mühle, wie es da so heimlich kühlwar an dem schattigen Weiher und daß nun alles so weit, weit hintermir lag. Mir war dabei so kurios zu Mute, als müßt' ich wiederumkehren; ich steckte meine Geige zwischen Rock und Weste, setzte michvoller Gedanken auf den Wagentritt hin und schlief ein.

Als ich die Augen aufschlug, stand der Wagen still unter hohenLindenbäumen, hinter denen eine breite Treppe zwischen Säulen inein prächtiges Schloß führte. Seitwärts durch die Bäume sah ich dieTürme von Wien. Die Damen waren, wie es schien, längst aus-gestiegen, die Pferde abgespannt. Ich erschrak sehr, da ich aufeinmal so allein saß, und sprang geschwind in das Schloß hinein.Da hörte ich von oben aus dem Fenster lachen.

In diesem Schlosse gieng es mir wunderlich. Zuerst, wie ichmich in der weiten kühlen Vorhalle umschaue, klopft mir jemandmit dem Stocke auf die Schulter. Ich kehre mich schnell um und dasteht ein großer Herr in Staatskleidern, ein breites Bandelier vonGold und Seide bis an die Hüften übergehängt, mit einem obenversilberten Stäbe in der Hand und einer außerordentlich langen, ge-bogenen, kurfürstlichen Nase im Gesicht, breit und prächtig wie e naufgeblasener Puter, der mich fragt, was ich hier will. Ich war ganzverblüfft und konnte vor Schreck und Erstaunen nichts hervorbringen.Darauf kamen mehrere Bediente die Treppe herauf und herunter ge-rannt, die sagten gar nichts, sondern sahen mich nur von oben bisunten an. Sodann kam eine Kammerjungfer (wie ich nachher hörte)gerade auf mich los und sagte, ich wäre ein scharmanter Junge unddie gnädige Herrschaft ließe mich fragen, ob ich hier als Gärtnerburschedienen wollte. Ich griff nach der Weste; meine Paar Groschen weißGott, sie müssen beim Herumtanzen auf dem Wagen aus der Taschegesprungen sein waren weg; ich hatte nichts als mein Geigenspicl,