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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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Das Weißhorn.

Danach fanden wir die Felsen des Grates so zerrissen, daß wirder größten Vorsicht bedurften, um sie nicht auf uns herunter zureißen. Trotzdem lösten wir öfters große Massen ab, die den nahenAbhang hinunterrollten und andere durch ihren Stoß mit fortrissen.Diese setzten wieder andere in Bewegung, so daß zuletzt ein ganzerHaufen rollte, der den Berg in Aufruhr brachte, wenn sie an ihmentlang zischten und donnerten, bis sie das 4000 Fuß unter unsliegende Schneefeld erreichten. Der Tag war heiß, die Arbeit schwerund unserm Körper, wie in einem türkischen Bade, alle Flüssigkeitentzogen. Um unsern Verlust zu ersetzen, hielten wir von Zeit zuZeit an Stellen an, wo der geschmolzene Schnee in flüssigen Adernhinabrieselte und stillten unsern Durst. Eine Flasche Champagner,die wir sparsam über ein wenig Schnee in unsere Becher goßen, gabWenger und mir manchen erfrischenden Trunk. Bennen fürchtete fürseine Augen und wollte keinen Champagner berühren. Wir fandenindes, daß das viele Ausruhen uns nicht gut tat, denn die Muskelnwurden bei jeder Pause steif und wir brauchten immer einige Minuten,ehe sie wieder elastisch wurden. Aber die Schule war vortrefflich fürGeist und Körper. Es gibt kaum eine für ein menschliches Wesenmögliche Stellung, die ich nicht zu irgend einer Zeit während diesesTages annehmen mußte. Die Finger, das Handgelenk und derVorderarm waren mein hauptsächlicher Verlaß und mir schien diemenschliche Hand als mechanisches Instrument an diesem Tage einWunderwerk der Plastik zu sein.

Die längste Zeit war uns der Gipfel verborgen, erst als wir diefolgenden Höhen erreichten, konnten wir ihn öfter sehen. Nach drei-stündigem Marsche auf dem Grat ungefähr fünf Stunden nachunserm Aufbruch sahen wir den Gipfel über einer andern etnzasniedrigern Höhe, die ihn in nicht weiter Ferne erscheinen ließ.Ihrhabt jetzt guten Mut", sagte ich zu Bennen.Ich erlaube mir nicht,den Gedanken an ein Mißlingen aufkommen zu lassen"", antworteteer. Nun gut, sechs Stunden brachten wir auf dem Kamme zu, derenjede eine unbarmherzige Anforderung an unsere Kräfte machte, undnach dieser Zeit befanden wir uns scheinbar dem Gipfel nicht näher,als da, wo Bennen seine Hoffnungen so zuversichtlich äußerte. Ichsah besorgt auf meinen Führer, als er seine müden Augen zum fernenGipfel wandte. Es lag keine Zuversicht in seinem Ausdruck und dochglaubte ich nicht, daß einer von uns auch nur für einen Augenblickden Gedanken hegte, nachzugeben. Wenger klagte über seine Lungenund Bennen riet ihm mehrere male, zurückzubleiben; doch dies ver-weigerte der Oberländer entschieden. Beim Beginn der Tagesarbeitist man oft ängstlich, wenn nicht schüchtern; wird aber die Arbeit sehr