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Das Weißhorn.
Die lange zurückgehaltenen Gefühle meiner beiden Gefährtenbrachen in einen wilden und oft wiederholten Jubelruf aus. Bennenwarf feine Arme in die Luft und schrie wie ein Walliser; Wengerstieß den gellenden Ruf des Oberlandes aus. Wir sahen den Grathinunter und tief unten konnten wir auf einer seiner Zacken die beidenMänner aus Randa erkennen. Immer und immer wieder wurde derTriumphschrei thuen herunter gesandt. Sie hatten erst einen kleinenTeil des Kammes hinter sich und bald nach unserm glücklichen Erfolgwandten sie sich heimwärts. Sie waren ohne Zweifel willig genug,unsern Mißerfolg auszuposaunen, wenn wir unser Ziel nicht erreichthaben würden; aber wir hörten nachher, daß sie eben so eifrig ge-wesen waren, unsern Erfolg zu verkünden; sie hätten uns, so beteuertensie, wie drei Fliegen auf dem Gipfel des Berges gesehen. BeideMänner mußten um der Wahrheit willen viel leiden, denn niemandwollte in Randa glauben, daß das Weißhorn bestiegen werden könne.Doch hatte zuletzt die Macht der Ueberzeugung, mit der die Männerihr Zeugnis ablegten, auch die größten Zweifler überführt, noch ehewir kamen.
Bennen wollte gern ein äußeres und sichtbares Zeichen unsersErfolgs auf dem Gipfel zurücklassen. Er jammerte, daß er keinepassende Flagge habe; als Ersatz dafür wurde vorgeschlagen, daß erden Griff einer unserer Aexte als Flaggenstock benutzen und daranein rotes Taschentuch befestigen solle. Dies geschah und für einigeZeit sah man das improvisirte Banner im Winde flattern. ZuBennens großer Freude zeigte es ihm mein Freund, Herr Franz Galion,drei Tage nachher vom Riffelberg-Hotel.
Jeder Schweizer Bergbesteiger kennt das Weißhorn. Ich habees lange als den stolzesten der Alpenberge betrachtet und die meistenanderen Reisenden teilen diese Meinung. Den Eindruck, den es er-weckt, verdankt es zum Teil seiner verhältnismäßigen Jsolirung, inder es gen Himmel aufsteigt. Es wird von anderen Bergen nichtverdeckt und rings herum sieht man von den Alpen aus seine hohePyramide. Umgekehrt beherrscht auch das Weißhorn einen weitenUmkreis. Weder Bennen noch ich hatten je etwas Aehnliches gesehen.Der Tag war überdies vollkommen schön; keine Wolke war zu sehenund der duftige Hauch der fernen Luft, obgleich er genügte, die Um-risse zu mildern und die Färbung der Berge zu verschönern, war dochzu leicht, um irgend etwas zu verdunkeln. Ueber die Gipfel unddurch die Täler ergossen sich die Sonnenstrahlen, nur durch die Bergeselbst verhindert, die ihre Schatten als dunkle Massen durch die er-leuchtete Luft warfen. Ich hatte nie vorher einen Anblick gehabt, dermich so wie dieser ergriff. Ich wollte in meinem Notizbuch einige