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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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Sankt Rochusfest zu Bingen.

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nächsten Ecken des Hauptvierecks zwei ähnliche Altäre, nicht beschädigt,alles wie vor Zeiten. Und wie erklärt man sich dies in einer jüngstzerstörten Kirche?

Die Menge bewegte sich von der Haupttür' gegen den Hochaltar,wandte sich dann links, wo sie einer im Glassarge liegenden Reliquiegroße Verehrung bezeigte. Man betastete den Kasten, bestrich ihn,segnete sich und verweilte so lange man konnte; aber einer verdrängteden andern und so ward auch ich im Strome vorbei und zur Seiten-pforte hinausgeschoben.

Aeltere Männer von Bingen treten zu uns, den herzoglich nassau-ischen Beamten, unsern werten Geleitsmann, freundlich zu begrüßen;sie rühmen ihn als einen guten und hilfreichen Nachbar, ja als denMann, der ihnen möglich gemacht, das heutige Fest mit Anstand zufeiern. Nun erfahren wir, daß, nach aufgehobenem Kloster Eibingen,die innern Kirchenerfordernisse, Altäre, Kanzel, Orgel, Bet- und Beicht-stühle, an die Gemeinde zu Bingen zu völliger Einrichtung der Rochus-kapelle um ein Billiges überlassen worden. Da man sich nun vonprotestantischer Seite dergestalt förderlich erwiesen, gelobten sämtlicheBürger Bingens, gedachte Stücke persönlich herüberzuschaffen. Manzog nach Eibingen; alles war sorgfältig abgenommen, der Einzelnebemächtigte sich kleinerer, mehrere der größer» Teile und so trugensie, Ameisen gleich, Säulen und Gesimse, Bilder und Verzierungenherab an das Wasser; dort wurden sie, gleichfalls dem Gelübde ge-mäß, von Schiffern eingenommen, übergesetzt, am linken Ufer ausge-schifft und abermals auf frommen Schultern die mannigfaltigen Pfadehinaufgetragen. Da nun das alles zugleich geschah, so konnte man,von der Kapelle herabschauend über Land und Fluß, den wunder-barsten Zug sehen, indem Geschnitztes und Gemaltes, Vergoldetes undLackirtes in bunter Folgenreihe sich bewegte; dabei genoß man desangenehmen Gefühls, daß jeder unter seiner Last und bei seiner Be-mühung Segen und Erbauung sein ganzes Leben hoffen durfte. Dieauch herübergeschaffte, noch nicht aufgestellte Orgel wird nächstens aufeiner Galerie, dem Hauptaltar gegenüber, Platz finden. Nun löstesich erst das Rätsel, man beantwortet sich die aufgeworfene Frage,wie es komme, daß alle diese Zierden schon verjährt und doch wohl-erhalten, unbeschädigt und doch nicht neu, in einem erst hergestelltenRaum sich zeigen konnten.

Dieser jetzige Zustand des Gotteshauses muß uns um so erbau-licher sein, als wir dabei an den besten Willen, wechselseitige Beihilfe,planmäßige Ausführung und glückliche Vollendung erinnert werden.Denn daß alles mit Ueberlegung geschehen, erhellt nicht weniger ausFolgendem. Der Hauptaltar aus einer weit großem Kirche sollte hier