156
Sankt Rochusfest zu Bingen.
hatte lange Zeit ohne Kindersegen gelebt, bis er seinen Rochum vonder heiligen Maria erbeten und brachte das Kind ein rotes Kreuzauf der Brust mit auf die Welt. Wenn seine Eltern fasteten, mußteer auch fasten und gab ihm seine Mutter an einem solchen Tage nureinmal zu trinken. Im fünften Jahre seines Alters fieng er an, sehrwenig zu essen und zu trinken; im zwölften legte er allen Ueberflußund Eitelkeit ab und wendete sein Taschengeld an die Armen, denener sonderlich viel Gutes tat. Er bezeigte sich auch fleißig im Stu-diren und erlangte bald großen Ruhm durch seine Geschicklichkeit, wieihn dann auch noch sein Vater auf dem Todbette durch eine beweglicheRede, die er an ihn hielte, zu allem Guten ermähnte. Er war nochnicht zwanzig Jahre alt, als seine Eltern gestorben, da er denn allsein ererbtes Vermögen unter die Armen austeilte, das Regiment überdas Land niederlegte, nach Italien reiste und zu einem Hospital kam,darinnen viele an ansteckenden Krankheiten lagen, denen er aufwartenwollte. Und ob man ihn gleich nicht alsobald hineinließ, sondern ihmdie Gefahr vorstellte, so hielte er doch ferner an und als man ihn zuden Kranken ließ, machte er sie alle durch Berührung mit seiner rechtenHand und Bezeichnung mit dem heiligen Kreuz gesund. Sodannbegab er sich ferner nach Rom, befreite auch allda nebst vielen anderneinen Kardinal von der Pest und hielte sich in die drei Jahre beidemselben auf.
Als er aber selbsten endlich auch mit dem schrecklichen Uebelbefallen wurde und man ihn in das Pesthaus zu den andern brachte,wo er wegen grausamer Schmerzen manchmal erschrecklich schreienmußte, gieng er aus dem Hospital und setzte sich außen vor die Türehin, damit er den anderen durch sein Geschrei nicht beschwerlich fiele.Und als die Vorbeigehenden solches sahen, vermeinten sie, es wäre ausUnachtsamkeit der Pestwärter geschehen; als sie aber hernach dasGegenteil vernahmen, hielte ihn jedermann für töricht und unsinnigund so trieben sie ihn zur Stadt hinaus, da er denn unter GottesGeleit durch Hilfe seines Stabes allgemach in den nächsten Waldfortkroch. Als ihn aber der große Schmerz nicht weiter fortkommenließ, legte er sich unter einen Ahornbaum und ruhete daselbst einwenig, da denn neben ihm ein Brunnen entsprang, daraus er sicherquickte.
Nun lag nicht weit davon ein Landgut, wohin sich viele Vor-nehme aus der Stadt geflüchtet, darunter einer namens Gotthardus,welcher viele Knechte und Jagdhunde bei sich hatte. Da ereignetsich aber der sonderbare Umstand, daß ein sonst sehr wohlgezogenerJagdhund ein Brot vom Tische wegschnappt und davonläuft. Obgleichabgestraft, ersieht er seinen Vorteil den zweiten Tag wieder und entflieht