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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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Sankt Rochusfest zu Bingen.

der Brust mit auf die Welt gebracht hatte, erkannt und war eingroßes Heulen und Lamentiren darüber entstanden.

Solches geschahe im Jahre 1327 den 16. August und ist ihmauch nach der Zeit zu Venedig, allwo nunmehr sein Leib verwahretwird, eine Kirche zu Ehren gebaut worden. Als nun im Jahre1414 zu Konstanz ein Konzilium gehalten wurde und die Pest alldaentstand, auch nirgend Hilfe vorhanden war, ließ die Pest alsobaldnach, sobald man diesen Heiligen anrief und ihm zu Ehren Pro-zessionen anstellte.

5. Land und Leute.

Diese friedliche Geschichte ruhig zu vernehmen, war kaum derOrt. Denn in der Tischreihe stritten mehrere schon längst über dieZahl der heute Wallfahrenden und Besuchenden. Nach einiger Mei-nung sollten Zehntausend, nach andern mehr und dann noch mehrauf diesem Hügelrücken durch einander wimmeln. Ein österreichischerOffizier, militärischem Blick vertrauend, bekannte sich zu dem höchstenGebote.

Noch mehrere Gespräche kreuzten sich. Verschiedene Bauernregelnund sprichwörtliche Wetterprophezeihungen, welche dies Jahr eingetroffensein sollten, verzeichnete ich in's Taschenbuch und als man Teilnahmebemerkte, besann man sich auf mehrere, die denn auch hier Platz findenmögen, weil sie auf Landesart und auf die wichtigsten Angelegenheitender Bewohner hindeuten.

Trockner April ist nicht der Bauern Will. Wenn die Grasmückesingt, ehe der Weinstock sproßt, so verkündet es ein gutes Jahr.Viel Sonnenschein im August bringt guten Wein. Je näher dasChristfest dem neuen Monde zufällt, ein desto härteres Jahr soll her-nach folgen; so es aber gegen den vollen und abnehmenden Mondkommt, je gelinder es sein soll. Die Fischer haben von der Hechts-leber dieses Merkmal, welches genau eintreffen soll: wenn dieselbe gegendem Gallenbläschen zu breit, der vordere Teil aber spitzig und schmal

ist, so bedeutet es einen langen und harten Winter. Wenn die

Milchstraße im Dezember schön weiß und hell scheint, so bedeutet esein gutes Jahr. Wenn die Zeit von Weihnachten bis Dreikönigenneblicht und dunkel ist, sollen das Jahr darauf Krankheiten folgen.Wenn in der Christnacht die Weine in den Fässern sich bewegen, daßsie übergehen, so hofft man auf ein gutes Weinjahr. Wenn die

Rohrdommel zeitig gehört wird, so hofft man eine gute Ernte. --

Wenn die Bohnen übermäßig wachsen und die Eichbäume viel Fruchtbringen, so gibt es wenig Getreide. Wenn die Eulen und andereVögel ungewöhnlich die Wälder verlassen und häufig den Dörfern und