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Daniel Dcfoe und der Robinson.
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sich gierig an den Berichten der aus jenen entlegenen Ländern Zurück-gekehrten.
Erzählungen von höchst seltsamen Seeabenteuern gab es daherdamals in Masse. Erinnert doch unser deutscher Simplicissimus, derzuletzt nach weiten Fahrten auf eine wüste Insel verschlagen wird unddiese nach dem Tode seiner Gefährten einsam bewohnt, sogar schonganz bestimmt an das Grundmotiv des Robinson. Aber alle dieseAbenteurergeschichten hatten es nur auf das Wunderbare und Phan-tastisch-Romantische abgesehen, sie waren locker und lose, ohne Zu-sammenhang und ohne Wahrscheinlichkeit. Defoe dagegen behandeltdie seltsamen Taten und Ereignisse seines Helden durchaus als wirk-licher Künstler. Unter seiner Hand, kann man sagen, hört das Aller-romanhafteste auf, ein Roman zu sein; es wird zu einer tatsächlichen,unbezweifelbar wahren Geschichte, der wir Schritt vor Schritt mit derhingehendsten Teilnahme folgen. Robinson erzählt uns so treuherzigvon seiner unüberwindlichen Wanderlust; wir gewinnen ihn von An-beginn lieb. Nun durchleben wir mit ihm die Angst und die Notdes Schiffbruchs, wir landen mit ihm auf dem fremden und unwirt-lichen Eiland, wir begleiten ihn dort auf seinen Wanderungen undUnternehmungen, wir sinnen mit ihm über die Mittel und Wege, wiefür Wohnung, Lebensunterhalt und persönliche Sicherheit zu sorgensei, wir teilen den Schreck über die mannigfachen Vorfälle, die ihnbedrohen, und die Freude über all' das unerwartete Gute, das ihmunverhofft bis zu seiner endlichen Erlösung widerfährt. Denn das istalles so klar und einfach erzählt und entspringt so natürlich und un-mittelbar aus der jedesmaligen Lage und Gemütsstimmung des Helden,daß in der Tat der denkende Mann den Robinson genau mit derselbenFreude und Begeisterung liest, wie das einfältige Kind, das noch nichtzwischen Erfindung und Wahrheit unterscheiden gelernt hat. Die be-wunderungswürdige Kunst, mit der unser Dichter diese zwingendeGlaubwürdigkeit erreicht hat, besteht in der ganz ungewöhnlichenFeinheit und Naturwahrheit der psychologischen Charakterzeichnungund, was gar nicht hoch genug anzuschlagen ist, in seiner äußerstlebendigen Kleinmalerei, d. h. in der liebevollen und sorgfältigen Aus-führung selbst des scheinbar Gleichgiltigsten und Unbedeutendsten. DieSprache Robinsons ist sehr gewöhnlich, zum Teil sogar unbeholfen;nach Art ungebildeter Menschen wiederholt er oft einen und denselbenGedanken zwei oder drei mal mit denselben oder nur wenig ab-weichenden Worten. Jeder geringfügigste Umstand wird weitläufignach allen seinen Ursachen und Wirkungen entfaltet. Wenn Robinsonauf die eindringenden Wilden einen Flintenschuß abfeuert, da erfahrenwir ganz genau, wie viel Pulver und wie viel Schrote er dazu