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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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269
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Der siebzigste Geburtstag.

26S

Laßt uns je eher je lieber den Grund der Geschichte vernehmen.300 Heißet jeglichen schweigen und laßt ihn öffentlich sprechen!""

Und der König gebot; da schwieg die ganze Versammlung.

Aber Reineke sprach:Beliebt es euch, gnädiger König,

So vernehmet, was ich euch sage. Geschieht auch mein VortragOhne Brief und Papier, so soll er doch treu und genau sein;

305 Ihr erfahrt die Verschwörung und niemands denk' ich zu schonen."...

48. Der siebzigste Geburtstag.

Johann Heinrich Voß.

Auf die Postille gebückt, zur Seite des wärmenden Ofens,

Saß der redliche Lamm in dem Lehnstuhl, welcher mit SchnitzwerkUnd braunnarbigem Jucht voll schwellender Haare geziert war:Tamm, seit vierzig Jahren in Stolp, dem gesegneten Freidorf,

5 Organist, Schulmeister zugleich und ehrsamer Küster,

Der fast allen im Dorf, bis auf wenige Greise der Vorzeit,

Einst Taufwaffer gereicht und Sitte gelehrt und Erkenntnis,

Dann zur Trauung gespielt, und hinweg schon manchen gesungen.Oft nun faltend die Händ', und oft mit lauterem Murmeln10 Las er die tröstenden Sprüch' und Ermahnungen. Aber allmähligStarrte sein Blick und er sank in erquickenden Mittagsschlummer.Festlich prangte der Greis in gestreifter kalmankener Jacke;

Und bei entglittener Brill' und silberfarbenem HaupthaarLag auf dem Buche die Mütze von violettenem Sammet,

15 Mit Fuchspelze verbrämt und geschmückt mit goldener Troddel.Denn er feierte heute den siebzigsten frohen Geburtstag,

Froh des erlebeten Heils. Sein einziger Sohn Zacharias,

Welcher als Kind auf dem Schemel geprediget und, von dem PfarrerAuserseh'n für die Kirche, mit Not vollendet die Laufbahn20 Durch die lateinische Schul' und die teuere Akademie durch:

Der war jetzt einhellig erwähleter Pfarrer in Merlitz,

Und seit kurzem vermählt mit der wirtlichen Tochter des Vorjahrs.Fernher hatte der Sohn zur Verherrlichung seines GeburtstagsEdeln Tobak mit der Fracht und stärkende Weine gesendet,

25 Auch in dem Briefe gelobt, er selbst und die freundliche Gattin,Hemmeten nicht Hohlweg' und verschneiete Gründe die Durchfahrt,Sicherlich kämen sie beide, das Fest mit dem Vater zu feiernUnd zu empfah'n den Segen von ihm und der würdigen Mutter.Eine versiegelte Flasche mit Rheinwein hatte der Vater30 Froh sich gespendet zum Mahl und mit Mütterchen auf die GesundheitIhres Sohns Zacharias geklingt und der freundlichen Gattin,