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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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271
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Der siebzigste Geburtstag.

271

Jetzo sah sie hinaus, wie die stöbernden Flocken am FensterRieselten, und wie der Ost dort wirbelte, dort in den Eschen75 Rauscht' und der hüpfenden Kräh'n Fußtritte verweht an der Scheuer.Lange mit ernstem Gesicht, ihr Haupt und die Hände bewegend,Stand sie vertieft in Gedanken und flüsterte halb, was sie dachte:Lieber Gott, wie es stürmt und Schnee in den Gründen sich

anhäuft!

Armer, wer jetzt auf Reisen hindurch muß, ferne der Einkehr!

80 Auch wer, Weib zu erwärmen und Kind, auswandert nach Reisholz,Hungrig oft und zerlumpt! Kein Mensch wohl jagte bei solchemWetter den Hund aus der Tür, wer seines Vieh's sich erbarmet!Dennoch kommt mein Söhnchen, das Fest mit dem Vater zu feiern.Was er wollte, das wollt' er, von Kind auf. Gar zu besonders85 Wühlt mir das Herz! Und o! wie die Katz' auf dem Tritte des

Tisches

Schnurrt und das Pfötchen sich leckt, auch Bart und Nacken sich putzet!Das bedeutet ja Fremde, nach aller Vernünftigen Urteil!"

Sprach's und trat an den Spiegel, die festliche Haube zu ordnen,Welche der Vater verschob, mit dem Kuß ausgleichend den Zwiespalt;90 Denn er leerte das Glas auf die Enkelin, sie auf den Enkel.

Nicht ganz schäme sich meiner die Frau im modischen Kopfzeug!Dachte sie leis' im Herzen und lächelte selber der Torheit.

Neben dem schlummernden Greis, an der anderen Ecke des Tisches,Deckte sie jetzo ein Tuch von feingemodeltem Drillich,

95 Stellete dann die Tassen mit zitternden Händen in Ordnung;Auch die blecherne Dos' und darin großklumpigen ZuckerTrug sie hervor aus dem Schrank und scheuchte die sumsenden Fliegen,Die ihr Mann mit der Klappe verschont zur Wintergesellschaft;Auch dem Gesims enthob sie ein paar Tonpfeifen mit Posen,

100 Grün und rot, und legte Tobak auf den zinnernen Teller.

Als sie drinnen nunmehr den Empfang der Kinder bereitet,Gieng sie hinaus vorsichtig, damit nicht knarrte der Drücker;

Aus der Gesindestube darauf, vom rummelnden Spulrad,

Rief sie, die Tür halb öffnend, Marie, die geschäftige Hausmagd,105 Welche gehaspeltes Garn von der Wind' abspulte zum Weben,Hastigen Schwungs, von dem Weber gemahnet und eigenem Ehrgeiz.Heiser ertönte der Ruf und gehemmt war plötzlich der Umschwung:

Flink, lebendige Kohlen, Marie, aus dem Ofen gescharret,Dicht an die Platte der Wand, die den Lehnstuhl wärmet im Rücken;110 Daß ich frisch (denn er schmeckt viel kräftiger) brenne den Kaffee!Heize mit Kien dann wieder und Torf und büchenem Stammholz,Ohne Geräusch, daß nicht aus dem Schlaf aufwache der Vater!