2. Segen und Unsegen.
Heinrich Pestalozzi, Lienhard und Gertrud, I. Teil.
^E-ch bin jung gewesen und alt geworden, und ich habe michviel und oft umgesehen, wie es dem Frommen und dem Gottlosenauch gehe. Ich habe die Knaben meines Dorfes mit mir aufwachsensehen; ich sah sie Männer werden, Kinder und Kindeskinder bekommen,und nun habe ich die von meinem Alter alle bis auf sieben zum Grabebegleitet. Gott, du weißt meine Stunde, wann ich meinen Brudernfolgen soll. Meine Kräfte nehmen ab; aber mein Auge harret dein,o Herr! Unser Leben ist wie die Blume des Feldes, die am Morgenblühet, am Abend aber verwelket. O Herr, unser Herrscher! du bistgnädig und gut den Menschen, die auf dich trauen ; darum hoffet meineSeele auf dich. Aber der Weg des Sünders führt zum Verderben.
Kinder meines Dorfes, o ihr Lieben, lasset euch lehren, wie esden Gottlosen geht, damit ihr fromm werdet! Ich habe Kinder ge-sehen, die ihren Eltern trotzten und ihre Liebe für nichts achteten, undallen, allen ist es übel gegangen am Ende. Ich kannte des unglück-lichen Ulis Vater. Ich habe mit ihm unter einem Dache gewohntund mit meinen Augen gesehen, wie der gottlose Sohn den armenVater kränkte und schimpfte. In meinem Leben werde ich es nichtvergessen, wie der alte, arme Mann eine Stunde vor seinem Todeüber ihn weinte. Ich sah den bösen Buben bei seinem Begräbnisselachen. „Kann ihn Gott leben lassen, den Bösewicht?" dachte ich. Wasgeschah? Er nahm ein Weib, das viel Gut hatte; er war jetzt einer derReichsten im Dorf und ging in seinem Stolz und seiner Bosheit ein-her, als ob niemand im Himmel und niemand auf Erden über ihmwäre. Ein Jahr ging vorüber, da sah ich den stolzen Uli bei demBegräbnisse seiner Frau heulen und weinen. Ihr Gut mußte er ihrenVerwandten bis auf den letzten Heller zurückgeben; er war Plötzlichwieder arm wie ein Bettler. In seiner Armut stahl er, und ihr wisset,welch ein Ende er genommen hat. Kinder, so sah ich immer, daß dasEnde des Gottlosen Jammer und Schrecken ist.