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Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
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zu verurteilen. Sokrates aber, der an diesem Tage gerade Vorsitzenderder richterlichen Versammlung war, widersetzte sich standhaft jenemVorhaben, weil es wider das Gesetz sei, jemanden ohne Verhör zuverdammen. Das Volk tobte; viele der Mächtigen drohten; aberSokrates ließ sich nicht einschüchtern und sein Wille drang durch. Denner war des Glaubens, daß die Götter alles wüßten, was man redeteoder handelte, ja auch, was das Herz dächte.

Sokrates suchte allen seinen Mitbürgern durch gelegentliche Unter-redungen zu nützen. Man konnte ihn den größten Teil des Tagesan öffentlichen Orten finden. Früh morgens besuchte er die Hallenund Gymnasien, wo die athenische Jugend Leibesübungen trieb, auchviele Erwachsene sich einfanden, um sich über dies und jenes zu be-sprechen. Nach der dritten Stunde war er auf dem Markte und dieübrige Zeit des Tages da, wo er die meisten Leute vermutete. Dabeisprach er mehrenteils, und wer Lust hatte, konnte ihm zuhören.„Menschen zu fangen", wie er selber sagte, war bei diesem scheinbarenMüßiggänge sein Zweck. Und darauf verstand er sich trefflich.

Sokrates wünschte den Tenophon, einen schönen Jüngling vonvortrefflichen Geistesgaben, in seinen Umgang zu ziehen. Einst be-gegnete er ihm in einer engen Gasse und hielt ihm seinen Stock vor.Der Jüngling blieb stehen. „Sag mir doch", begann Sokrates, „wokauft man Mehl?" — „Auf dem Markte", war die Antwort. —„Und Öl?" — „Ebenda." — „Aber wo geht man hin, weise undgut zu werden?" — Der Jüngling schwieg und sann auf eine Ant-wort. „Folge mir", sprach der Weise, „ich will es dir sagen." Seit-dem schloffen die beiden eine innige Freundschaft, und Xenophon wardein Mann, der sich nachmals nicht nur als Feldherr und Schriftsteller,sondern auch durch seine Tugend und Frömmigkeit auszeichnete.

Seine Schüler hingen mit aller Hingebung an ihm und kanntenkeinen höhern Genuß, als um ihn zu sein und ihn zu hören. „Nichtskonnte nützlicher sein", versicherte Xenophon, „als seine Gesellschaft undsein Umgang. Selbst wenn er abwesend war, gereichte noch sein An-denken denen, die bei ihm gewesen waren, zur Stärkung und Kraft inallem Guten." Mancher lasterhafte Jüngling hat von seinen Sündenabgelassen und durch Sokrates Lust zum Guten bekommen. Er riefallen den schönen Spruch ins Gedächtnis: