Vor die Trefflichkeit setzten den Schweiß die unsterblichen Götter;lang' auch windet und steil die Bahn zur Tugend sich aufwärtsund ist rauh ini Beginn; doch wenn du zur Höhe gelangt bist,alsdann wird sie dir leicht und bequem, wie schwer sie zuvor war.
Auf die leichteste und einfachste Weise verstand es der weise Mann,die Wahrheit seinen Schülern einleuchtend zu machen. So belehrte erden jungen Alkibiades, als dieser große Schüchternheit verriet, künftigvor dem Volke als Redner aufzutreten, folgender Art: „Würdest dudich wohl fürchten, vor einem Schuster zu reden?" — „O nein!" —„Oder könnte dich ein Kupferschmied verlegen machen?" — „Gewißnicht!" — „Aber vor einem Kaufmann würdest du erschrecken?" —„Ebensowenig!" — „Nun siehe", fuhr er fort, „aus solchen Leutenbesteht das ganze athenische Volk. Du fürchtest die einzelnen nicht,warum wolltest du sie versammelt fürchten?"
Es war vorauszusehen, daß sich Sokrates durch seine Weisheitund Tugend bei dem großen Haufen seiner verdorbenen Mitbürger Haßund Neid zuziehen mußte. Sie verleumdeten ihn und suchten ihn aufalle Weise lächerlich zu machen. Als ihnen das nichts half, verklagtensie ihn öffentlich. Sie beschuldigten ihn, er glaube nicht an die Götterseiner Vaterstadt; auch verderbe er durch seine Lehre die Jugend;darum müsse er als staatsgefährlich hingerichtet werden. Sokrates, be-reits ein Greis von 70 Jahren, fand es seiner unwürdig, sich gegensolche Anklagen weitläufig zu verteidigen. Er wies auf sein öffentlichesLeben hin, beteuerte, daß ihm seit 30 Jahren nichts mehr am Herzengelegen habe, als seine Mitbürger tugendhafter und glücklicher zumachen, und dazu habe ihn eine göttliche Stimme getrieben. Eine sofreimütige Verteidigung erbitterte aber die Richter. Denn sie hattenerwartet, er würde durch eine lange Rede unter Bitten und Thränenum Mitleid und Begnadigung flehen. Darum schickten sie ihn vor-läufig ins Gefängnis. In der nächsten Versammlung wurden dieStimmen über ihn gesammelt. Eine kleine Mehrheit von drei Stimmenverurteilte ihn zum Tode. Sokrates hörte sein Todesurteil mit dergrößten Ruhe, nicht aber seine Schüler. Sie drängten sich mit Thränenin den Augen zu den Richtern und flehten und boten große SummenGeldes für die Freiheit ihres Lehrers. Sie wurden aber abgewiesen.Sokrates nahm Abschied von den Richtern, die für ihn gestimmt, undverzieh auch denen, die ihn verurteilt hatten. Apollodör, der ihm sehr