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7. Es dröhnt mit dumpfem Schlagedie Brandung in mein Wort;der Sturm zerreißt die Klageund trägt beschwingt sie fort.
O möcht' er brausend schwebenund geben euch Bericht:
„Wohl lass' ich hier das Leben,
die Treue lass' ich nicht!" Em-muel Gewel.
V. Gudruns Errettung. Wieder waren Jahre vergangen.Endlich — nach 13 Jahren — schlug aber die Stunde der Erlösung.An einem bitterkalten Märzmorgen mußten Gudrun und Hildburg wiederan den Strand. Obgleich Schnee gefallen war, hatte doch die hart-herzige Gerlinde ihnen die Schuhe verweigert. Barfuß, im bloßenHemde, die Füße von Dorngestrüpp und spitzen Steinen zerrissen, standendie beiden Jungfrauen zitternd in dem rauhen Märzwinde, der ihreHaare zerzauste, und wuschen in der eisigen Flut. Plötzlich sahen sieeine Barke ankomme», in welcher zwei Fischer — es waren Herwigund Ortwin, die Fischerkleidung angelegt hatten — saßen. DieWäscherinnen wollten entfliehen, weil sie sich vor den Männern schämten;aber diese drohten, die Wäsche fortzutragen, wenn sie nicht blieben. DieMänner fragten nun nach den vor 13 Jahren geraubten Jungfrauen,besonders nach Gudrun, der hehren Königstochter. Der größere derFischer betrachtete dabei sehr aufmerksam die vor Frost, Scham undErregung zitternde Gudrun.
„Ach", erwiderte diese, „die arme Gudrun hat lange vergeblichauf Rettung gewartet, jetzt ist sie tot".
Da brachen Thränen aus den Augen der Männer, und der einehielt Gudrun seine Hand hin, zeigte auf seinen Verlobungsring undsagte in tiefem Schmerz: „Gudrun war meine Verlobte, ich bin Herwig,König von Seeland". Mit Wonne hörte und sah Gudrun ihre Ahnungbestätigt. Sie zeigte auf ihren Verlobungsring und gestand, daß sieGudrun sei. Glückselig umfaßte Herwig die edle Königsmaid und wolltesie sogleich in die Barke tragen, um sie zu der Flotte der Hegelingenzu führen. Auch Ortwin küßte freudigen Herzens die wiedergefundeneSchwester, wollte aber von der heimlichen Flucht nichts hören. Ermeinte, Gndrun sei mit Gewalt geraubt worden und solle nun auch
Schweiz. Jugendfreund. 8